Russland. Widersprüchliche Eindrücke

Von Dr. Christian Wipperfürth. Auf dem Weg nach Zentralasien (der Reisebericht wird in Kürze folgen) waren meine 10jährige Tochter und ich zunächst einen Tag in Moskau: Am Morgen die Ankunft mit dem Zug, am Abend sollte es mit dem Flugzeug weitergehen. Ich wollte meiner Tochter einige der touristischen Höhepunkte der Stadt zeigen: Die Prachtstraße Twerskaja, den Roten Platz, die Basilius-Kathedrale, das „GUM“, „Kitai Gorod“ und den Kreml, zumindest von außen.

Es war ein sehr heißer Tag, wir wollten schließlich rasten, nicht zum ersten Mal. Die wenigen Bänke im „Alexandergarten“, unmittelbar in Kreml-Nähe waren belegt. Darum setzten wir uns auf einen kleinen Findling, der inmitten einer Rasenfläche stand. Keine 50 Meter von den Kremlmauern entfernt. Obschon gut sichtbar angegeben war, die Grünfläche bitte schön nicht zu betreten. Was ja auch nachvollziehbar ist, wo käme man hin, wenn jeder … Wir taten es gleichwohl, ich mit einem etwas unguten Gefühl. Aber wir waren nicht die einzigen Regelbrecher vor Ort.

Wir fütterten die Stare, die einander das Futter teilweise im Flug wegschnappten. Und dann kamen zwei Polizisten über die Rasenfläche. Es wurde spannend. Fünf Meter von uns entfernt lagen drei junge Männer im Gras. Sie zeigten sich nicht beunruhigt, sondern blieben ganz ruhig liegen. Die Polizisten störten sich hieran nicht, wechselten nur ein paar Worte mit den Regelbrechern – die weiterhin keinerlei Anstalten machten sich zu erheben – und schlenderten weiter. Uns beachteten die Ordnungshüter nicht.

Diese Episode hat mich erstaunt. Bei einer ähnlichen Story in Paris habe ich ein robusteres Einschreiten der Polizei erlebt. Auch wohlwollende Beobachter sind der Ansicht, dass Russland starke Züge eines autoritären Staates trägt. Diese kleine Geschichte rechtfertigt auch keineswegs, dies in Frage zu stellen. Die Episode zeichnet gleichwohl eine andere Facette.

Kommen wir zu einem gänzlich anderen Eindruck:

Kurze Zeit zuvor habe ich in einem russischen Dorf mit einem mir gut bekannten etwa 50jährigen Bauern gesprochen, der bereits zu Sowjetzeiten in der örtlichen Kolchose gearbeitet hat. Er besaß bei dessen Auflösung einen Rechtsanspruch auf einen Anteil am beweglichen Besitz und den Immobilien der Genossenschaft. Seine Ansprüche wurden bei der Privatisierung in den 90er Jahren übergangen. Er – und zwei weitere Bauern aus dem Dorf – beauftragten eine Petersburger Rechtsanwältin, dagegen juristisch vorzugehen. Die Juristin wurde jedoch von interessierter Seite unter solch massiven Druck gesetzt, dass sie ihr Mandat zurückgab. Die Gerichtsverhandlung haben die drei Bauern verloren, sie mussten zudem noch die Gerichtskosten tragen. Das war vor einer Reihe von Jahren.

Sie bebauen weiterhin Land, das ihnen von Rechts wegen nicht gehört, machen sich also strafbar. Sie können auch keine Kredite aufnehmen, um ihre Wirtschaft zu entwickeln, da sie keine Immobilien als Sicherheit anbieten können. Im ganzen weiten Umkreis wird fast keine Landwirtschaft mehr betrieben, der Eigentümer der ehemaligen Kolchose lässt nur noch Holz einschlagen. – Auf dem Gebiet der nördlich gelegenen ehemaligen Kolchose lief die Privatisierung nach meinem Eindruck offensichtlich weit regulärer ab, dort werden einige tausend Hektar bestellt und hunderte Kühe grasen auf den Weiden.

Ich habe keinen Anlass, an der Glaubwürdigkeit der Schilderung des Bauern zu zweifeln, kenne ihn seit langem als klugen, geschickten und fleißigen Menschen.

Dieser Bauer ist kein Freund der herrschenden Ordnung Russlands, kein Anhänger des Kreml, ein willensstarker Pazifist. Gleichwohl war er sehr traditionell russisch-patriotisch, als es um den Donbas ging.

Welch ein widersprüchliches und vielfältiges Land!

Mit dem Fahrrad in Russland und Weißrussland. Reiseeindrücke und Empfehlungen

Von Dr. Christian Wipperfürth. In den vergangenen zehn Jahren bin ich tausende Kilometer mit dem Rad durch die russische Provinz gefahren. Ich war vor allem im Süden des Oblast Pskow und im Süden des Oblast Twer, also im Westen des Landes. Meistens war ich allein unterwegs, mitunter mit einem Freund.

Ich war Augenzeuge des vermutlich umfangreichsten „Renaturierungsprogramms“ der Weltgeschichte: Ich vermute, die Natur hat sich in den vergangenen 25 Jahren allein im europäischen Teil Russlands eine Fläche von der Ausdehnung Deutschlands zurückgeholt. Eher mehr als weniger. Die meisten Dörfer sind bereits verlassen, zumindest die etwa 100, die ich gesehen habe, die Landstädte haben Einwohner verloren. Newel beispielsweise, eine Kreisstadt im Süden des Oblast Pskow, hatte 1989 über 22.000 Einwohner, 2010 waren es noch gut 16.000.
Die Landschaft ähnelt derjenigen im nördlichen Brandenburg bzw. der mecklenburgischen Seenplatte: sandige Böden, leicht hügelig, unzählige Seen. Nur alles ein bisschen weiträumiger. Na ja, man befindet sich halt in Russland.

Hier folgt ein Ausschnitt aus der Landshaft im Süden des Oblast Pskow:
<p style=“text-align: center;“><a href=“http://www.russland.news/wp-content/uploads/2015/09/Nevel.jpg“><img class=“aligncenter size-full wp-image-30169″ src=“http://www.russland.news/wp-content/uploads/2015/09/Nevel.jpg“ alt=“Nevel“ width=“599″ height=“684″ data-id=“30169″ /></a></p>
Ganz rechts, in der Mitte der Karte treffen einige gelb markierten Straße zusammen, dort folgt das Städtchen Newel.

Nirgendwo ein Segelboot auf den Seen, von denen es tausende gibt, teils größer als die Müritz. Kein Yachthafen oder Café. Keine Pension oder Feriensiedlung. Mitunter Menschen, die zelten oder mit dem Kajak wasserwandern. Aber – nach allem was ich gehört habe – weit, weit weniger als zu Sowjetzeiten. Die Pionierlager sind geschlossen.
In den Sommermonaten dürfte sich die Bevölkerung in diesem schönen Landstrich – der zudem für russische Verhältnisse gut zu erreichen ist – etwa verdoppeln: durch Kinder, die zur Babuschka aufs Dorf fahren, rüstige Pensionäre, die nunmehr in St. Petersburg oder Moskau wohnen, aber aus der Region stammen und das Sommerhalbjahr auf dem Land verbringen. Und zunehmend, wenngleich bis jetzt vereinzelt, Touristen aus den Städten, die „Urlaub auf dem Land“ machen.
Meine Erlebnisse waren unspektakulär: Einsamkeit, eine gänzlich ungewohnte Ruhe, ein Sternenhimmel, dessen Schönheit man sich als Mitteleuropäer gar nicht vorstellen kann. Gespräche mit Menschen, denen man begegnet: Beispielsweise einem Moskauer Mathematiker, der ganz allein in einem verlassenen Dorf lebt, an einem glasklaren, lang gezogenen See. Oder einem auffallend gut aussehenden jungen Mann, der nach eigenen Worten bereits seit einigen Monaten mit zwei Frauen in der Wildnis zeltete. Ich habe die beiden leider nicht zu Gesicht bekommen …
Ich bin nie jemandem begegnet, der ähnlich wie ich mit dem Rad unterwegs war.
Mein Rat:
Fahren Sie mit dem Nachtzug von St. Petersburg Richtung Süden bzw. von Moskau aus Richtung Westen, z.B. nach Velikij Luki, Sapadnaja Dwina oder etwa Newel. (Fahrkarten lassen sich problemlos und günstig auch von Deutschland aus im Internet erwerben, z.B. bei http://www.russianrailways.com/). Kaufen Sie sich dann vor Ort ein Fahrrad, z.B. solch ein schickes aus weißrussischer Produktion, wie ich es für Touren genutzt habe:
Solch ein Rad kostet neu keine 100 Euro. Einige der Räder, die ich im Verlauf der Jahre gekauft habe waren zuverlässig, andere hatten bereits am ersten Tag eine erhebliche Macke. Nehmen Sie also Flick- und Werkzeug mit.
Besorgen Sie sich Kartenmaterial. Das brauchen Sie unbedingt.

Fahren Sie los! Verlassen Sie sich aber nicht auf das Kartenmaterial! Die Karten bieten lediglich Anhaltspunkte. Russen selbst rechnen nicht damit, dass die Karten die Wirklichkeit abbilden. Sie wundern sich eher, dass es überhaupt Pläne gibt. Zu Sowjetzeiten unterlagen Stadt- und Landpläne weitgehend der Geheimhaltung. Man wollte dem Gegner die Sache erschweren! Und machte somit auch der eigenen Bevölkerung das Leben komplizierter als es sein musste. Detailliertes Kartenmaterial gibt es erst seit den 90er Jahren, in einer nicht allzu hohen Auflage. Die Bewohner der Region haben häufig überrascht reagiert, dass es mittlerweile Karten mit guten Maßstäben gibt.
Vorsicht: Meiner Erfahrung nach existieren die Straßen und Wege in der Regel nicht mehr, die die Grenzen von Oblasti (also „Bundesländern“) bzw. Kreisen überqueren. Dies trifft zum erheblichen Teil auch auf die Wege zwischen Dörfern zu. Richten Sie sich darauf ein, immer wieder umkehren zu müssen. Planen Sie Ihre Routen so, dass mehrere Optionen bleiben, falls sich Wege als Sackgassen oder als nicht mehr passierbar herausstellen, was häufig der Fall sein wird.
Zelten Sie, wo es Ihnen gefällt! Viele der schönsten Stellen werden unzugänglich sein, aber es werden noch hinreichend viele übrig bleiben.
Nehmen Sie etwas gegen Mücken und Stechfliegen mit. Das Beste, was Sie bekommen können. Sie werden es brauchen …
So, das ist die herbe Variante. Die russische. Es gibt auch eine weißrussische: So bin ich mit dem Zug von Moskau nach Orscha gefahren, einem Eisenbahnknotenpunkt im Osten Weißrusslands. Dort habe ich mir ein Rad gekauft und diesen zuverlässigen Atlas, der im Handel weiterhin erhältlich ist (http://www.belkarta.by).

Und bin losgefahren.
Der Unterschied zwischen Russland und Weißrussland ist frappierend: Auf der russischen Seite verfallen Dörfer, unzählige Häuser und zahllose Menschen. Der Mensch zieht sich zurück, die Natur übernimmt das Kommando. Nichts dergleichen in Weißrussland: Dörfer leben, auf meiner 400km-Tour durch die weißrussische Provinz habe ich kein verfallenes Haus gesehen, die Landwirtschaft floriert, Menschen, die wie Alkoholiker aussehen, haben gleichwohl eine Arbeit, werden ins Kollektiv eingebunden. Wenn Menschen in Russland Beeren oder Pilze anbieten, dann stehen sie vereinzelt an den Straßenrändern. Ganz anders in Weißrussland: Dort bietet man gemeinsam an, als Kollektiv.
In Russland stirbt das Dorf, in Weißrussland lebt es. In Russland ist der private Lebensstandard sichtbar höher als in Weißrussland, in Belarus wird für öffentliche Güter deutlich mehr Geld ausgegeben als in Russland. Die Straßen oder etwa öffentlichen Grünanlagen sind in einem besseren Zustand.
Weißrussland hat etwas von der Sowjetunion an sich: Das Kollektive wird höher geschätzt als das Individuelle. Seit meinem Aufenthalt kann ich die Anziehungskraft Lukaschenkos auf viele Menschen in Weißrussland und auch Russland gut nachvollziehen: Er bietet soziale Sicherheit für die unteren zwei Drittel der Bevölkerung und fordert dafür Konformität, womit das obere Drittel der Bevölkerung und die Unruhigen unzufrieden sind. In Weißrussland wird in einem deutlich höheren Ausmaß Anpassung gefordert, als dies in Russland der Fall ist. Weißrussen sind nach meinem Eindruck deutlich vorsichtiger als Russen, eine eigene Meinung zu äußern.
Ich habe auch in Weißrussland dort gezeltet, wo es schön war, also in der Regel an einem See.

In einigen Tagen werde ich mit einem weiteren Reisebericht melden. Worum es gehen wird sehen Sie auf diesem Foto …

Quellen: Gescannte Abbildungen von Karten nach den oben angegebenen Quellen sowie private Fotos.