Die geheimnisvolle Pracht des Goldenen Rings

[von Michael Barth] Zweifelsohne zählt der sogenannte Goldene Ring mit zu den meistbesuchten Reisezielen in Russland. Der Gürtel aus altrussischen Städten, der sich um Moskau spannt, dominiert durch seine unzähligen Zwiebeltürme von Klöstern und Kirchen. Hier ist das alte Russland noch in all seiner Pracht greifbar und allgegenwärtig.

Als Besucher fühlt man sich in eine Zeit versetzt, in der die Handelsstädte unweit der Hauptstadt ihre kostbaren Waren von Kaufleuten, die die Wolga und ihre Nebenflüsse entlang fuhren, beliefert wurden. In die Zeit, in der der orthodoxe Glaube in Russland den täglichen Rhythmus bestimmte, in der die berühmtesten Ikonenmaler des Landes ihre Kunstwerke schufen. Aber auch in die Zeit der Mongolenstürme, die auf das Reich der Zaren niedergingen und deren Zeugnisse als prachtvolle Fresken an den Kirchenwänden verewigt wurden. Die Landschaft zwischen den Orten entspricht dem Bild, das der Reisende von daheim mitbringt: Birkenhaine und Kiefernwälder, Flüsse und Bäche mit sumpfigem Hinterland – Russland.

In einer Entfernung von rund 75 bis 250 Kilometer zu Moskau gelegen, sind die Städte des Goldenen Rings bequem mit Bus und Bahn zu erreichen. Außerdem bietet sich den Touristen die Möglichkeit einer organisierten und geführten Rundreise im Luxusbus. Eine Option, die bei Reiseveranstaltern gerne von ausländischen Besuchern in Anspruch genommen wird. Man sollte sich deshalb nicht wundern, wenn man in der Saison nicht gerade einen noch unberührten Geheimtipp bereist. Jährlich werden die Sehenswürdigkeiten von Millionen Touristen besucht. Dementsprechend gehören sie zu den infrastrukturell erschlossensten Anziehungspunkten des Landes. Vom wirtschaftlichen Faktor für die jeweiligen Regionen ganz zu schweigen.

Lassen auch wir die Exkursion in der Zwölfmillionenmetropole Moskau beginnen und uns unserer Reiseleiterin Dr. Susanne Pfau anvertrauen. Frau Dr. Pfau hat zu diesem Zweck einen Bildband erstellt, der weit über ein gewöhnliches Fotosammelsurium hinaus geht. In enzyklopädischer Gründlichkeit schuf sie während zwei Jahren Recherche, Reisen und Kontaktaufnahmen ein Werk im Selbstverlag, das dem Betrachter die Geheimnisse und Schätze entlang der Reiseroute in so bisher noch nicht erschienenen Weise näher bringt.

Sakrales und Alltägliches

Von dem Glanz der rund 140 Kirchen und 50 Klöstern bringt uns die Autorin fünf Stationen akribisch näher. Die Reise beginnt in Moskau, wo mit der einstigen Zarenresidenz und dem heutigen Regierungssitz, dem Kreml, der erste Eckpfeiler der religiösen und politischen sowie der kulturellen Welt des alten und modernen Russlands vorgestellt wird. Historische Daten zur Stadtgeschichte und Legenden zu den Sehenswürdigkeiten erschaffen, wie auch in den weiteren jeweiligen Kapiteln, ein transparentes Bild, das durch die unzähligen Fotografien lebendig wird. Jedes Foto wird durch einen ausführlichen Begleittext erläutert und vermittelt so die Entstehung und den Zweck der einzelnen Bauwerke im Gesamtensemble.

Spätestens im nächsten Kapitel des Buches, das den Leser nach Sergijew Plossad geleitet, wird deutlich, weshalb die Touristenmagneten des Goldenen Rings in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen worden sind. Auch wenn die Städte aus dem Mittelalter stammen, der Begriff des Goldenen Ringes ist gerade einmal fünfzig Jahre alt und wurde von Juri Blytschkow, einem sowjetischen Journalisten geprägt, der seinerzeit ein Konzept historischer russischer Orte rund um Moskau für die Kulturzeitung „Sowjetskaja Kultura“ ausarbeitete.

Ihre guten Kontakte verhalfen Frau Dr. Pfau zu den beeindruckenden Innenaufnahmen der Klosterkirchen, die den Betrachter die Besonderheit der im Buch vorgestellten Objekte spürbar machen. Überhaupt ist es die Fülle an Wissen, die dieses Werk über einen Bildband hinaus zu etwas Besonderem macht. Beim Bummel durch verwinkelte Gassen mittelalterlicher Städte erfährt der Leser von echten und von falschen Zaren, von Gläubigen und Heiligen. Wo wurden noch gleich die berühmten Matrjoschkas hergestellt, wo befindet sich das Bügeleisenmuseum? Selbstverständlich nehmen, ohne zu dominieren, auch die verschiedenen Bauepochen, die jeweiligen Bauabschnitte und deren -stile einen breiten Raum der Erläuterungen ein.

„Ich möchte die Leser durch Städte führen. Ich will Kenntnisse über das kulturelle, historische Russland vermitteln und ich möchte damit erreichen, dass sich Menschen in Deutschland und Russland begegnen“, erklärte die Autorin nachdem sie ihre Arbeit vollendet hatte. Der erste Schritt ist getan. Das begleitende Buch sei jedem, der an der altrussischen Kultur und der Pracht der russisch-orthodoxen Sakralarchitektur interessiert ist, deshalb ans Herz gelegt und eine uneingeschränkte Empfehlung für den Bücherschrank.

Über die Autorin: Dr. Susanne Pfau wurde, ungeachtet des deutschen Namens, in der russischen Stadt Jaroslawl geboren und betätigte sich später als wissenschaftliche Mitarbeiterin der pädagogischen Universität Fergana in Usbekistan. Seit sie in Deutschland lebt, engagiert sie sich stark in der Förderung soziokultureller Kompetenz im Spracherwerb. Dr. Pfau unterrichtet als lizenzierte Dozentin an der Volkshochschule Schwäbisch Gmünd in den Sprachen Deutsch und Russisch. Zudem unterrichtet die Autorin an der Musikhochschule Alfdorf Klavier sowie Akkordeon und spielt selbst im konzertanten Schwäbisch Gmünder Akkordeonorchester.

Dr. Susanne Pfau: Die geheimnisvolle Pracht der Städte des Goldenen Rings, Go For More Verlag 2016, 310 Seiten, zahlreiche Abbildungen, ISBN: 978-3000540493

[mb/russland.NEWS]

Spaziergänge über Petersburger Dächer werden legal

Exkursionen auf die Dächer von St. Petersburg, die schon lange ein Geheimtipp gelten, werden ab der kommenden Saison legal. Die Stadt hat die Bedeutung dieser Art von Tourismus erkannt und Führungen auf zwanzig Objekten in der Stadt bewilligt.

Wer schon einmal auf den Turm der Smolny- oder Isaakskathedrale gestiegen ist, weiß wie fantastisch der Blick über die Petersburger Dachlandschaft ist. Während der weißen Nächte gilt es als besonders schick, einen Spaziergang, eine Foto-Session oder sogar eine Party hoch über der Stadt zu organisieren. Bisher geschah dies jedoch meist inoffiziell, beziehungsweise illegal.

Waren die Dächer in den Neunzigerjahren noch weitgehend zugänglich, so beklagten sich die Fans von Dach-Spaziergängen in den letzten Jahren, dass die Ausgänge in den Häusern zunehmend abgesperrt werden. Es war höchste Zeit für eine Legalisierung, auch um das Unfallrisiko der oft waghalsigen Dach-Ausflüge einzudämmen.

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Jurmala – im lettischen Ostsee-Badeort spricht man Russisch

An der Mittelmeerküste ist es überall über 40 Grad heiß. In die Türkei fliegt man als anständiger Mensch nicht. Die Kanarischen Inseln sind zu weit. Wo kann man denn noch im August Urlaub machen? An der Ostsee? Nicht schon wieder! Obwohl… Stopp! Es gibt nicht nur deutsche Ostseeurlaubsorte.

Jurmala! Natürlich! Der Meeresort, nur 25 km von der lettischen Hauptstadt Riga entfernt. Bis zu sechs Millionen Sowjetbürger machten hier in den 80ern jährlich Urlaub. 32 km lange Strände, weißer Sand, ruhiges, flaches Meer, Kiefernwälder. Jurmala war ein Paradies für die sowjetische Partei- und Intellektuellenelite, etwas für die Kenner. Anders als die laute und überfüllte Schwarzmeerküste. Die war für das Proletariat. Schon damals bauten die Parteibonzen in Jurmala ihre Datschen.

Der Strand von Jurmala / copyright Daria Boll-Palievskaya
Der Strand von Jurmala / copyright Daria Boll-Palievskaya

Wir buchen einen Flug nach Riga. Der Flug in einem klitzekleinen Propellerflugzeug von Air Baltic ist zwar definitiv zu teuer, aber die zwei Stunden übersteht man gerade so. Die Stewardessen tragen Namensschilder mit drei kleinen Flaggen: das soll zeigen, dass sie Lettisch, Englisch und Russisch sprechen. Genau, wird meine russische Herkunft nicht ein Problem sein? Nach dem Erlangen der Unabhängigkeit im Jahr 1991 herrscht in den baltischen Ländern eine ziemlich antirussische Stimmung, liest und hört man. Viele Russen leben dort immer noch als sogenannte Nichtbürger, NATO-Truppen werden stationiert usw. Ich bestelle meinen Tee (3,50 €!) vorsichtshalber auf Englisch.

Der Taxifahrer, der uns für knapp zwanzig Euro (bei einem anderen Taxiunternehmen hätten wir elf bezahlt) vom Flughafen nach Jurmala bringt, will im besten Russisch sofort wissen, wo wir herkommen. „Moskau“, antworte ich vorsichtig. Das erweist sich allerdings als Fehler. Wiederholt schimpft der Fahrer über die „Moskauer Idioten“, die die Preise in die Höhe treiben. „Sehen Sie diesen kleinen Gemüsemarkt? Das ist der teuerste Markt in ganz Europa, alles wegen den Moskauern!“

Häuser in Bulduri / copyright Daria Boll-Palievskaya
Häuser in Bulduri / copyright Daria Boll-Palievskaya

Soll ich es vielleicht an der Hotelrezeption lieber auf Deutsch versuchen? Doch das hätte mich überhaupt nicht weitergebracht. Hier spricht man Russisch. Oh, pardon, ein wenig Englisch auch. Junge Rezeptionistinnen sind sehr freundlich und kompetent, das Hotel ist perfekt. Wo ist das Meer? Sehen Sie den kleinen Kieferwald? Dahinten! Weißer Sand, solang das Auge reicht! Alle fünfzig Meter ist ein Volleyballnetz gespannt, alle hundert Meter gibt es ein kleines Strandrestaurant. Hunderte Urlauber joggen, gehen mit Nordic Walking Stöcken, fahren Fahrrad. „Mama, bist Du sicher, dass wir nicht in Russland sind?“, fragt mich mein Sohn unsicher.

Tatsächlich, wir sind seit mehreren Stunden in Lettland, doch bis jetzt haben wir nur die russische Sprache gehört und noch kein Wort auf Lettisch. Allerdings gelesen, denn alles hier steh nur auf Lettisch. Natürlich nicht alles, die Speisekarten der unzähligen Restaurants werden auch auf Russisch geführt. Die Preise sind allerdings doch eher westeuropäisch, oder soll ich besser sagen…Moskowitisch? Ein Abendessen zu dritt und ohne Alkohol kostet zwischen 80 und 115 Euro. Die lettische Küche ist unspektakulär (rote Bete, Heringe, Fischsuppen). Komischerweise werden viele Muscheln- und Spargelgerichte mitten im August angeboten. Auf meine Frage, wo sie bitteschön Spargel herhaben, antwortet ein Kellner nicht ohne Stolz: „Aus dem Ausland!“

Jurmala besteht aus mehreren Orten, die ineinander übergehen. In Lielupe und Bulduri stehen die schönsten Häuser. Großzügige Grundstücke nah am Meer – hier geht es sehr ruhig zu. Die reichen und die schönen Russen bleiben unter sich. Auch die Autos, die hier verkehren, scheinen vom letzten Genfer Autosalon zu kommen. Viele haben Moskauer oder Petersburger Kennzeichen. Anfang der 2000er Jahre ist es unter den betuchten Russen beinahe zur Mode geworden, eine Immobilie in Jurmala zu besitzen. „Man hat hier ganze Stadtteile aufgekauft“, erzählt mir ein Taxifahrer. Bekannte russische Schauspieler, Popstars und Bankiers – alle wollten ein Haus an der lettischen Küste haben. „Jetzt wollen viele wieder verkaufen“, weiß der Taxifahrer. Die Preise gehen aber noch nicht runter: ein 130 m2 Luxusapartment kann schon eine halbe Million Euro kosten.

Häuser in Bulduri / copyright Daria Boll-Palievskaya
Häuser in Bulduri / copyright Daria Boll-Palievskaya

Allerdings merkt man auf der Jomas iela, der Ausgehemaile von Jurmala, dass der Ort schon schönere Zeiten erlebt haben muss. Im Konzertsaal Dzintari fanden in Russland sehr populäre Musikfestivals und Comedy Shows statt. Jetzt hat man sie auf die Krim verlegt, und die einst berühmte Halle wird für Konzerte aus der zweiten Garnitur gebucht. Samstag abends sieht Jomas iela eher leer aus. In einer einzigen Bar gibt es Livemusik – eine kleine Jazzband spielt alte Klassiker. Für drei Euro Eintritt haben wir uns auf einen langen Abend gefreut. Doch kurz vor elf bedankten sich die Musiker und packten ihre Instrumente ein. Das war`s.

Die Frisörin Natascha aus unserem Hotel (Waschen und Legen: 30 €) meint, dass es immer leerer wird in Jurmala. „Die meisten Russen kommen aus nostalgischen Gründen hierher. Wenn diese Nostalgiewelle abebbt, sieht es schlecht für uns aus. Andere Touristen haben wir kaum. Außerdem sind die Russen sehr großzügig, lassen es sich gut gehen und drehen den Euro nicht dreimal um, bevor sie ihn ausgeben“.

Sie selber hat eine Sprachprüfung bestanden und die lettische Staatsangehörigkeit erlangt. Ihre Töchter gehen auf eine russische Schule, und ihr Mann, ein Nichtbürger, ist Kleinunternehmer. Lettisch zu können braucht er dafür nicht, sagt sie. Mich wundert die ganze Zeit, dass junge Letten sehr gut und anscheinend gern Russisch sprechen. Doch war es nicht so, dass man Russisch aus den Schulen verdrängt hat? „Am Anfang schon. Doch sie merkten schnell, dass man ohne Russisch nicht weiterkommt. Zu sehr sind wir vom russischen Tourismus und vom russischen Business abhängig“.

Ist es nicht schlimm für ihren Mann als nicht EU-Bürger in einem EU-Land zu leben? Natascha schaut mich verdutzt an: „Dafür braucht er aber kein Visum, wenn er nach Russland möchte“. Aus ihrem Mund hört es sich so an, als ob sie ihn dafür beneiden würde. Wie ist es als Russischsprechende in Lettland zu leben, einem Land, wo fast eine viertel Million Menschen als Nichtbürger gelten, kein Wahlrecht haben und bestimmte Berufe nicht ausüben dürfen? Lettland sperrt russischsprachige Fernsehsender, und im Land findet das multinationale US-geführte Militärmanöver Saber Strike statt. Natascha winkt ab: „Glauben Sie nicht den Politikern. Ich fühle mich überhaupt nicht benachteiligt, und habe sowohl russische als auch lettische Kunden und Freunde. Wir kommen alle super miteinander klar. Was die da oben erzählen oder vorhaben, das hat alles mit uns nichts zu tun“.

[Daria Boll-Palievskaya/russland.NEWS]