Jurmala – im lettischen Ostsee-Badeort spricht man Russisch

An der Mittelmeerküste ist es überall über 40 Grad heiß. In die Türkei fliegt man als anständiger Mensch nicht. Die Kanarischen Inseln sind zu weit. Wo kann man denn noch im August Urlaub machen? An der Ostsee? Nicht schon wieder! Obwohl… Stopp! Es gibt nicht nur deutsche Ostseeurlaubsorte.

Jurmala! Natürlich! Der Meeresort, nur 25 km von der lettischen Hauptstadt Riga entfernt. Bis zu sechs Millionen Sowjetbürger machten hier in den 80ern jährlich Urlaub. 32 km lange Strände, weißer Sand, ruhiges, flaches Meer, Kiefernwälder. Jurmala war ein Paradies für die sowjetische Partei- und Intellektuellenelite, etwas für die Kenner. Anders als die laute und überfüllte Schwarzmeerküste. Die war für das Proletariat. Schon damals bauten die Parteibonzen in Jurmala ihre Datschen.

Der Strand von Jurmala / copyright Daria Boll-Palievskaya
Der Strand von Jurmala / copyright Daria Boll-Palievskaya

Wir buchen einen Flug nach Riga. Der Flug in einem klitzekleinen Propellerflugzeug von Air Baltic ist zwar definitiv zu teuer, aber die zwei Stunden übersteht man gerade so. Die Stewardessen tragen Namensschilder mit drei kleinen Flaggen: das soll zeigen, dass sie Lettisch, Englisch und Russisch sprechen. Genau, wird meine russische Herkunft nicht ein Problem sein? Nach dem Erlangen der Unabhängigkeit im Jahr 1991 herrscht in den baltischen Ländern eine ziemlich antirussische Stimmung, liest und hört man. Viele Russen leben dort immer noch als sogenannte Nichtbürger, NATO-Truppen werden stationiert usw. Ich bestelle meinen Tee (3,50 €!) vorsichtshalber auf Englisch.

Der Taxifahrer, der uns für knapp zwanzig Euro (bei einem anderen Taxiunternehmen hätten wir elf bezahlt) vom Flughafen nach Jurmala bringt, will im besten Russisch sofort wissen, wo wir herkommen. „Moskau“, antworte ich vorsichtig. Das erweist sich allerdings als Fehler. Wiederholt schimpft der Fahrer über die „Moskauer Idioten“, die die Preise in die Höhe treiben. „Sehen Sie diesen kleinen Gemüsemarkt? Das ist der teuerste Markt in ganz Europa, alles wegen den Moskauern!“

Häuser in Bulduri / copyright Daria Boll-Palievskaya
Häuser in Bulduri / copyright Daria Boll-Palievskaya

Soll ich es vielleicht an der Hotelrezeption lieber auf Deutsch versuchen? Doch das hätte mich überhaupt nicht weitergebracht. Hier spricht man Russisch. Oh, pardon, ein wenig Englisch auch. Junge Rezeptionistinnen sind sehr freundlich und kompetent, das Hotel ist perfekt. Wo ist das Meer? Sehen Sie den kleinen Kieferwald? Dahinten! Weißer Sand, solang das Auge reicht! Alle fünfzig Meter ist ein Volleyballnetz gespannt, alle hundert Meter gibt es ein kleines Strandrestaurant. Hunderte Urlauber joggen, gehen mit Nordic Walking Stöcken, fahren Fahrrad. „Mama, bist Du sicher, dass wir nicht in Russland sind?“, fragt mich mein Sohn unsicher.

Tatsächlich, wir sind seit mehreren Stunden in Lettland, doch bis jetzt haben wir nur die russische Sprache gehört und noch kein Wort auf Lettisch. Allerdings gelesen, denn alles hier steh nur auf Lettisch. Natürlich nicht alles, die Speisekarten der unzähligen Restaurants werden auch auf Russisch geführt. Die Preise sind allerdings doch eher westeuropäisch, oder soll ich besser sagen…Moskowitisch? Ein Abendessen zu dritt und ohne Alkohol kostet zwischen 80 und 115 Euro. Die lettische Küche ist unspektakulär (rote Bete, Heringe, Fischsuppen). Komischerweise werden viele Muscheln- und Spargelgerichte mitten im August angeboten. Auf meine Frage, wo sie bitteschön Spargel herhaben, antwortet ein Kellner nicht ohne Stolz: „Aus dem Ausland!“

Jurmala besteht aus mehreren Orten, die ineinander übergehen. In Lielupe und Bulduri stehen die schönsten Häuser. Großzügige Grundstücke nah am Meer – hier geht es sehr ruhig zu. Die reichen und die schönen Russen bleiben unter sich. Auch die Autos, die hier verkehren, scheinen vom letzten Genfer Autosalon zu kommen. Viele haben Moskauer oder Petersburger Kennzeichen. Anfang der 2000er Jahre ist es unter den betuchten Russen beinahe zur Mode geworden, eine Immobilie in Jurmala zu besitzen. „Man hat hier ganze Stadtteile aufgekauft“, erzählt mir ein Taxifahrer. Bekannte russische Schauspieler, Popstars und Bankiers – alle wollten ein Haus an der lettischen Küste haben. „Jetzt wollen viele wieder verkaufen“, weiß der Taxifahrer. Die Preise gehen aber noch nicht runter: ein 130 m2 Luxusapartment kann schon eine halbe Million Euro kosten.

Häuser in Bulduri / copyright Daria Boll-Palievskaya
Häuser in Bulduri / copyright Daria Boll-Palievskaya

Allerdings merkt man auf der Jomas iela, der Ausgehemaile von Jurmala, dass der Ort schon schönere Zeiten erlebt haben muss. Im Konzertsaal Dzintari fanden in Russland sehr populäre Musikfestivals und Comedy Shows statt. Jetzt hat man sie auf die Krim verlegt, und die einst berühmte Halle wird für Konzerte aus der zweiten Garnitur gebucht. Samstag abends sieht Jomas iela eher leer aus. In einer einzigen Bar gibt es Livemusik – eine kleine Jazzband spielt alte Klassiker. Für drei Euro Eintritt haben wir uns auf einen langen Abend gefreut. Doch kurz vor elf bedankten sich die Musiker und packten ihre Instrumente ein. Das war`s.

Die Frisörin Natascha aus unserem Hotel (Waschen und Legen: 30 €) meint, dass es immer leerer wird in Jurmala. „Die meisten Russen kommen aus nostalgischen Gründen hierher. Wenn diese Nostalgiewelle abebbt, sieht es schlecht für uns aus. Andere Touristen haben wir kaum. Außerdem sind die Russen sehr großzügig, lassen es sich gut gehen und drehen den Euro nicht dreimal um, bevor sie ihn ausgeben“.

Sie selber hat eine Sprachprüfung bestanden und die lettische Staatsangehörigkeit erlangt. Ihre Töchter gehen auf eine russische Schule, und ihr Mann, ein Nichtbürger, ist Kleinunternehmer. Lettisch zu können braucht er dafür nicht, sagt sie. Mich wundert die ganze Zeit, dass junge Letten sehr gut und anscheinend gern Russisch sprechen. Doch war es nicht so, dass man Russisch aus den Schulen verdrängt hat? „Am Anfang schon. Doch sie merkten schnell, dass man ohne Russisch nicht weiterkommt. Zu sehr sind wir vom russischen Tourismus und vom russischen Business abhängig“.

Ist es nicht schlimm für ihren Mann als nicht EU-Bürger in einem EU-Land zu leben? Natascha schaut mich verdutzt an: „Dafür braucht er aber kein Visum, wenn er nach Russland möchte“. Aus ihrem Mund hört es sich so an, als ob sie ihn dafür beneiden würde. Wie ist es als Russischsprechende in Lettland zu leben, einem Land, wo fast eine viertel Million Menschen als Nichtbürger gelten, kein Wahlrecht haben und bestimmte Berufe nicht ausüben dürfen? Lettland sperrt russischsprachige Fernsehsender, und im Land findet das multinationale US-geführte Militärmanöver Saber Strike statt. Natascha winkt ab: „Glauben Sie nicht den Politikern. Ich fühle mich überhaupt nicht benachteiligt, und habe sowohl russische als auch lettische Kunden und Freunde. Wir kommen alle super miteinander klar. Was die da oben erzählen oder vorhaben, das hat alles mit uns nichts zu tun“.

[Daria Boll-Palievskaya/russland.NEWS]

Inder und Chinesen im Ural [Video]

Bei einer Reise im Südural wurden unsere Redaktionsmitglieder, darunter unsere russland.TV-Moderatorin Ariana, von einem Gerücht überrascht: In einem weitab der Zivilisation in wunderbarer Natur gelegenen Jugendcamp sollen sich Chinesen und Inder aufhalten.

So sind wir da gleich einmal hin gefahren. Hinter dem Gerücht verbarg sich ein interessantes Quartett wirklich aus einer jungen Chinesin, einem Inder, einem Algerier und einer Türkin – und ein herrliches Beispiel für gelebte Völkerfreundschaft. Was sie hier im tiefen russischen Hinterland machen und uns so erzählten erfahrt Ihr in Arianas Sommerbericht. Auch sie gibt es ab September wieder regelmäßig Freitags mit ihrer Videoreihe Russisch vs. Deutsch. Wer sie einmal live treffen will: Das geht in genau einer Woche in Köln auf den Videodays 2017 zusammen mit unserem Videoredakteur Roland Bathon.

Moskau ist anders – Petersburg auch: Unsere Autorin Daria Boll-Palievskaya ist dem Charme von St. Petersburg erlegen

„Entschuldigung, wie kommen wir am besten zur italienischen Renaissance?“

„Sie möchten die alten Italiener sehen? Wie ich Sie dafür beneide, junge Frau!“, der adrett gekleidete ältere Herr steht von seinem Stuhl höflich auf und redet auf mich leise ein. „Nehmen Sie aber unbedingt den Weg über den englischen Saal, allerdings hat „Dame in Blau“ vom großen Thomas Gainsborough uns kurz verlassen, sie ist nach Japan gereist“.

So ein Dialog mit einem Museumsaufseher kann Ihnen nur in einer einzigen Stadt der Welt passieren. Und zwar in Petersburg. Die Petersburger sind in ihrer ausgesprochenen Höflichkeit und Liebe zu ihrer Stadt einmalig in ganz Russland. Hier wird jede Taxifahrt zu einer Sehenswürdigkeitsbesichtigung. Denn jeder Taxifahrer erzählt seinen Gästen ungefragt alles, was er über die Häuser und Denkmäler weiß, an denen Sie vorbeifahren. Dazu gibt er noch seine Tipps zum besten Aufenthalt in Petersburg. „Sehen Sie diese Terrasse da, am Newskij! Eigentlich ist es verboten, solch große Balkone zu bauen, aber man hat die alten Skizzen und Fotos gefunden und die Terrasse genau so aufgebaut. Jetzt kann man dort wunderbar sitzen und Kaffee trinken. Übrigens, wissen Sie, wo man den besten Kaffee in der Stadt bekommt…?“

Versuchen Sie mal in Moskau einen Passanten nach einer Straße zu fragen. Keine Chance! Die ewig gehetzten Moskauer werden etwas wie „Kann ich nicht sagen“ murmeln und an Ihnen vorbeirennen. „Moskau glaubt den Tränen nicht“, besagt das russische Sprichwort. Hier kämpf man mit harten Bandagen und hat keine Zeit, sich mit dummen Touristen zu beschäftigen. Der Petersburger dagegen würde Sie quasi bis zur von Ihnen gesuchten Straße begleiten und unterwegs noch ihre Geschichte erzählen.

An Touristenmassen ist man hier gewohnt. Gefühlte Millionen Chinesen, Spanier, Italiener, Amerikaner (erstaunlicherweise sehr wenig Deutsche, zumindest im Sommer 2017) durchstreifen diese großartige Stadt. Sie sind auch auf die Hilfe der Einheimischen mehr oder weniger angewiesen, denn nirgends ist auch nur ein Wort auf Englisch zu lesen. Alle Straßenschilder sind auf Kyrillisch. Es ist ein Paradox: in Moskau, wo sich nur wenige Touristen hin trauen, werden sogar die Stationen in der Metro auf Englisch angekündigt, geschweige denn, dass im ganzen Stadtkern die Straßenschilder auch in englischer Sprache angebracht sind. In St. Petersburg dagegen, das vom Tourismus lebt, wird das Finden einer Metrostation für einen Angereisten zu einer Herausforderung, denn der die Metro bezeichnende Buchstabe „M“ ist sehr klein und unscheinbar. Das Erwerben eines Fahrscheins entpuppt sich dann als eine kaum lösbare Aufgabe, und ist in seiner Undurchsichtigkeit nur mit dem deutschen Tarifsystem der öffentlichen Verkehrsmittel zu vergleichen.

Aber das alles schreckt die Menschen aus der ganzen Welt nicht davon ab, St. Petersburg sehen zu wollen. Und tatsächlich, wer einmal nachts das Wunder der „singenden Brücken“ an der Newa erlebt hat, der würde alle Unannehmlichkeiten in Kauf nehmen, um dieses Spektakel noch einmal erleben zu dürfen. So viele Schnellbote durchqueren den Fluss, um ihren Passagieren kurz nach 1 Uhr den Blick auf hochziehende Brücken zu gönnen, dass man diesen Andrang mit einem Moskauer Stau zu Stoßzeiten vergleichen kann. Kurz nach zwei Uhr nachts werden Sie an einem der Newakanäle wieder am Ufer abgesetzt. Der Weg zum Hotel führt durch den Newskij Prospekt – die Hauptader von Petersburg, und man hat das Gefühl, dass die ganze Stadt noch auf den Beinen ist – es ist hier fast genau so voll wie noch vor einigen Stunden. Die Lokale jedenfalls scheinen hier nie zu schließen, und man kann sich auch mitten in der Nacht einen Kaffee in einer internationalen Kette oder ein typisch russisches Gericht in einer kleinen Kneipe schmecken lassen. Hier und da spielen Straßenmusiker, besser gesagt Straßenbands. Sie spielen keine internationalen Hits, nein. Sie spielen den alten Leningrader Rock, auf denen die Petersburger immer noch sehr stolz sind.

In dieser Stadt gab es schon immer ein bisschen mehr Freiheit als anderswo in Russland.

Venedig des Nordens, Stadt der Brücken, Wiege der Revolution – Petersburg hat viele Namen. Seine Sehenswürdigkeiten sind unzählig, seine Atmosphäre einmalig. Man verläuft sich in langen Spaziergängen und hat beim Anblick eines runden Platzes das Gefühl, in Paris oder Rom gelandet zu sein. Man findet den Weg zu einem Kanal und, ja, man ist wieder in… Venedig? Aber nein, man ist immer noch in Russland – in St. Petersburg, ehemaligem Leningrad, ehemaligem Petrograd und wieder Petersburg.

Endlich kommt man im Hotel an. Die Rezeptionistin ist ganz besorgt, sind wir doch in den Regen gekommen? Sie hat uns ja gewarnt, wir hätten die Regenschirme mitnehmen sollen. Am besten kauft man einfach einen „Wegwerfregenmantel“ für 150 Rubel und packt ihn in die Tasche. Das Wetter ist das beherrschende Thema in dieser Stadt. Kein Wunder, dass Peter der Große allen reichen Eigentümer befohlen hatte, ihre Häuser in kräftigen Farben zu streichen, um die Stadt ein wenig aufzuhellen. Denn das Klima hier ist alles andere als einladend. Heftige Winde, hohe Feuchtigkeit und wenig sonnige Tage, sagt man, machen das Leben in St. Petersburg schwer. Doch für diejenigen, die nur kurz in diese Stadt kommen, ist das nicht so wichtig. Ob beim Regen oder in der Sonne, St. Petersburg ist immer eine Reise wert.

[Daria Boll-Palievskaya/russland.NEWS]

Top5: Sehenswertes in Nischni Nowgorod [Video]

Wo ist die größte Metrostation oder die längste Treppe Russlands? Nicht in Moskau oder Sankt Petersburg, sondern in der Wolgametropole Nischni Nowgorod.

Diese und noch interessantere Fakten, wie einen der berühmtesten Kreml des Landes, zeigt uns unsere Petersburger Videoredakteurin Anna Smirnowa aus der Stadt am höchsten Ufer des größten Stroms Europas. Anna ist bei uns immer Mittwochs im Programm – ihre eigene Seite findet Ihr unter http://www.petersburg.life

Kirgisistan. Eindrücke aus Zentralasien

Kirgisistan* hat überrascht. Ich habe mich mit dem Land zwar unter politischem Aspekt beschäftigt, z.B. mit den gewaltsamen Umbrüchen von 2005 und 2010 oder den russisch-amerikanischen Rangeleien um Einfluss. Ich war auch nicht zum ersten Mal in der Region, sondern habe mich zweimal in Kasachstan aufgehalten.

Kirgistan_1

Ein persönlicher Eindruck vermittelt durch die Wirkung, die das Land und seine Bewohner ausüben, aber weitere und andere Facetten. Hiermit möchte ich Sie bekannt machen. In einem zweiten Beitrag, der in Kürze folgen wird, werden touristische Eindrücke und schöne Bilder folgen, die Sie vielleicht interessieren.

(Meine widersprüchlichen Eindrücke aus Russland finden Sie unter http://www.cwipperfuerth.de/2015/09/russland-widerspruechliche-eindruecke/)

  1. Das Äußere der Menschen in Kirgisistan wirkt durch die häufig mongolisch anmutenden Gesichtszüge sehr fremd. Andererseits hatte ich in der Hauptstadt Bischkek eher den Eindruck, mich in einer zwar armen, aber doch russischen Stadt zu befinden. Zum einen aufgrund ihres Erscheinungsbilds: Die Kirgisen waren, anders als etwa die benachbarten Usbeken, bis vor wenigen Generationen Nomaden. Sämtliche Städte des Landes sind somit russische bzw. sowjetische Gründungen, die zwischen der Mitte des 19. und 20. Jahrhunderts erfolgten. Überraschender für mich aber war: Keine einzige Frau in diesem muslimischen Land war verschleiert, und die zahlreichen Frauen mit Kopftüchern (vor allem auf dem Lande), trugen sie offensichtlich nicht, um einer religiösen Botschaft Ausdruck zu verleihen, sondern weil es aufgrund der starken Sonneneinstrahlung zweckmäßig, wenn nicht geboten war. Auch die meisten Männer bedienten sich aus diesem Grund einer Kopfbedeckung.
    Bischkek, eine Stadt in der Mitte Asiens wirkte deutlich europäischer auf mich als Istanbul, wo meine Tochter und ich uns auf der Rückreise dreieinhalb Tage aufhielten: In Bischkek gingen Paare gemeinsam durch die Stadt oder Parks, während dies in Istanbul eine seltene Ausnahme war. In Bischkek gab es Männer, die sich sichtbar um ihre Kinder kümmerten. Das habe ich in Istanbul nirgends gesehen. Es gab vereinzelt durchaus junge Türkinnen, die nabelfrei trugen, jedoch etwa zehnmal so viele vollverschleierte Frauen.
  1. Kirgisistan gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Es steht beim Bruttoinlandsprodukt pro Kopf an 148. Stelle von 186 Ländern, zwischen Pakistan und Kamerun. So wirkt das Land jedoch nicht. Es gibt keine Elendssiedlungen, keine zerlumpten Obdachlosen, keine Bettler. Die Erklärung dieses Phänomens: In Kirgisistan, wie wohl auch den anderen Ländern Zentralasiens funktionieren die Großfamilien. Sie bieten Halt bei Krankheit und Alter – der Staat ist hierzu nicht in der Lage. Und die Sippe fordert hierfür natürlich Loyalität und Einordnung, anders könnte das System nicht funktionieren. Nicht die Interessen des Individuums stehen im Vordergrund, sondern diejenigen der Großfamilie. Das heißt auch: Der Einzelne kann sich auf die Sippe verlassen. Und sie sich auf ihn, z.B. wenn er Karriere machen sollte, dann kümmert er sich um die Seinen. Was uns also als „Vetternwirtschaft“ erscheint ist unentbehrlich, um das gesamte System funktionstüchtig zu halten.
  2. Ich habe im Grunde erwartet, wiederholt nachdrücklich auf die Präsenz des übermächtigen Nachbarn China gestoßen zu werden. Beispielsweise durch Werbetafeln für chinesische Produkte, eine starke Präsenz chinesischer Automarken, Chinesen im Straßenbild oder etwa chinesische Sprachschulen. All dies fehlt.

Der große östliche Nachbar wird respektiert oder bewundert, geliebt aber wird er ganz und gar nicht. Hierfür gibt es drei Ursachen: Die Kirgisen haben zum ersten ein positives Bild der Sowjetunion und sind auch aus diesem Grunde ausgesprochen pro-russisch.

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Zum zweiten definieren sich die Kirgisen geradezu durch ihre Abgrenzung gegenüber China: Manas, der wichtigste kirgisische Volksheld verteidigte die Unabhängigkeit der Kirgisen gegen die Uiguren – die zwar keine Chinesen sind, aber seit Jahrhunderten zum chinesischen Staatsverband gehören.

Zum dritten hat gleichwohl ein großer Teil Kirgisistans vor der Eroberung durch das Zarenreich zu China gehört. Vergleichen wir die Karte des gegenwärtigen Zentralasien (s.o.) mit der nun folgenden Karte:

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Das Südufer des langgestreckten Balchaschsees gehörte einmal zu China, liegt jetzt jedoch einige hundert Kilometer innerhalb Kasachstans. Und der kirgisische Issyk-Kul, der sich einige hundert Kilometer direkt unterhalb des Balchaschsees befindet, lag vollständig innerhalb Chinas. Beim Vergleich der beiden Karten wird deutlich, dass sogar etwa drei Viertel des heutigen Kirgisistans zu China gehörten. China wird gefürchtet, weil zum einen mit seiner Herrschaft in früheren Zeiten kein zivilisatorischer Fortschritt verbunden war – anders als mit der russischen bzw. Sowjetherrschaft. Und zum anderen, weil es seit einigen Jahren geradezu übermächtig ist. Russland wird somit weithin als Garant der Unabhängigkeit Kirgisistans betrachtet.

 

*Es gibt drei gebräuchliche Namen des Landes: Kirgisien, Kirgistan und Kirgisistan. Der letztgenannte ist die offizielle deutsche Bezeichnung.

 

Quellenangaben:

Graphik 1: http://upload.wikimedia.org/wikipedia/de/6/6b/Zentralasien_politisch_2010.jpg; https://en.wikipedia.org/wiki/de:Creative_Commons; https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/; Autor: Sae 1962

Graphik 2: Tabelle selbst angefertigt nach: http://www.gallup.com/poll/166538/former-soviet-countries-harm-breakup.aspx

Graphik 3: https://en.wikipedia.org/wiki/de:Creative_Commons; https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.de; Pryaltonian

Russland. Widersprüchliche Eindrücke

Von Dr. Christian Wipperfürth. Auf dem Weg nach Zentralasien (der Reisebericht wird in Kürze folgen) waren meine 10jährige Tochter und ich zunächst einen Tag in Moskau: Am Morgen die Ankunft mit dem Zug, am Abend sollte es mit dem Flugzeug weitergehen. Ich wollte meiner Tochter einige der touristischen Höhepunkte der Stadt zeigen: Die Prachtstraße Twerskaja, den Roten Platz, die Basilius-Kathedrale, das „GUM“, „Kitai Gorod“ und den Kreml, zumindest von außen.

Es war ein sehr heißer Tag, wir wollten schließlich rasten, nicht zum ersten Mal. Die wenigen Bänke im „Alexandergarten“, unmittelbar in Kreml-Nähe waren belegt. Darum setzten wir uns auf einen kleinen Findling, der inmitten einer Rasenfläche stand. Keine 50 Meter von den Kremlmauern entfernt. Obschon gut sichtbar angegeben war, die Grünfläche bitte schön nicht zu betreten. Was ja auch nachvollziehbar ist, wo käme man hin, wenn jeder … Wir taten es gleichwohl, ich mit einem etwas unguten Gefühl. Aber wir waren nicht die einzigen Regelbrecher vor Ort.

Wir fütterten die Stare, die einander das Futter teilweise im Flug wegschnappten. Und dann kamen zwei Polizisten über die Rasenfläche. Es wurde spannend. Fünf Meter von uns entfernt lagen drei junge Männer im Gras. Sie zeigten sich nicht beunruhigt, sondern blieben ganz ruhig liegen. Die Polizisten störten sich hieran nicht, wechselten nur ein paar Worte mit den Regelbrechern – die weiterhin keinerlei Anstalten machten sich zu erheben – und schlenderten weiter. Uns beachteten die Ordnungshüter nicht.

Diese Episode hat mich erstaunt. Bei einer ähnlichen Story in Paris habe ich ein robusteres Einschreiten der Polizei erlebt. Auch wohlwollende Beobachter sind der Ansicht, dass Russland starke Züge eines autoritären Staates trägt. Diese kleine Geschichte rechtfertigt auch keineswegs, dies in Frage zu stellen. Die Episode zeichnet gleichwohl eine andere Facette.

Kommen wir zu einem gänzlich anderen Eindruck:

Kurze Zeit zuvor habe ich in einem russischen Dorf mit einem mir gut bekannten etwa 50jährigen Bauern gesprochen, der bereits zu Sowjetzeiten in der örtlichen Kolchose gearbeitet hat. Er besaß bei dessen Auflösung einen Rechtsanspruch auf einen Anteil am beweglichen Besitz und den Immobilien der Genossenschaft. Seine Ansprüche wurden bei der Privatisierung in den 90er Jahren übergangen. Er – und zwei weitere Bauern aus dem Dorf – beauftragten eine Petersburger Rechtsanwältin, dagegen juristisch vorzugehen. Die Juristin wurde jedoch von interessierter Seite unter solch massiven Druck gesetzt, dass sie ihr Mandat zurückgab. Die Gerichtsverhandlung haben die drei Bauern verloren, sie mussten zudem noch die Gerichtskosten tragen. Das war vor einer Reihe von Jahren.

Sie bebauen weiterhin Land, das ihnen von Rechts wegen nicht gehört, machen sich also strafbar. Sie können auch keine Kredite aufnehmen, um ihre Wirtschaft zu entwickeln, da sie keine Immobilien als Sicherheit anbieten können. Im ganzen weiten Umkreis wird fast keine Landwirtschaft mehr betrieben, der Eigentümer der ehemaligen Kolchose lässt nur noch Holz einschlagen. – Auf dem Gebiet der nördlich gelegenen ehemaligen Kolchose lief die Privatisierung nach meinem Eindruck offensichtlich weit regulärer ab, dort werden einige tausend Hektar bestellt und hunderte Kühe grasen auf den Weiden.

Ich habe keinen Anlass, an der Glaubwürdigkeit der Schilderung des Bauern zu zweifeln, kenne ihn seit langem als klugen, geschickten und fleißigen Menschen.

Dieser Bauer ist kein Freund der herrschenden Ordnung Russlands, kein Anhänger des Kreml, ein willensstarker Pazifist. Gleichwohl war er sehr traditionell russisch-patriotisch, als es um den Donbas ging.

Welch ein widersprüchliches und vielfältiges Land!

Mit dem Fahrrad in Russland und Weißrussland. Reiseeindrücke und Empfehlungen

Von Dr. Christian Wipperfürth. In den vergangenen zehn Jahren bin ich tausende Kilometer mit dem Rad durch die russische Provinz gefahren. Ich war vor allem im Süden des Oblast Pskow und im Süden des Oblast Twer, also im Westen des Landes. Meistens war ich allein unterwegs, mitunter mit einem Freund.

Ich war Augenzeuge des vermutlich umfangreichsten „Renaturierungsprogramms“ der Weltgeschichte: Ich vermute, die Natur hat sich in den vergangenen 25 Jahren allein im europäischen Teil Russlands eine Fläche von der Ausdehnung Deutschlands zurückgeholt. Eher mehr als weniger. Die meisten Dörfer sind bereits verlassen, zumindest die etwa 100, die ich gesehen habe, die Landstädte haben Einwohner verloren. Newel beispielsweise, eine Kreisstadt im Süden des Oblast Pskow, hatte 1989 über 22.000 Einwohner, 2010 waren es noch gut 16.000.
Die Landschaft ähnelt derjenigen im nördlichen Brandenburg bzw. der mecklenburgischen Seenplatte: sandige Böden, leicht hügelig, unzählige Seen. Nur alles ein bisschen weiträumiger. Na ja, man befindet sich halt in Russland.

Hier folgt ein Ausschnitt aus der Landshaft im Süden des Oblast Pskow:
<p style=“text-align: center;“><a href=“http://www.russland.news/wp-content/uploads/2015/09/Nevel.jpg“><img class=“aligncenter size-full wp-image-30169″ src=“http://www.russland.news/wp-content/uploads/2015/09/Nevel.jpg“ alt=“Nevel“ width=“599″ height=“684″ data-id=“30169″ /></a></p>
Ganz rechts, in der Mitte der Karte treffen einige gelb markierten Straße zusammen, dort folgt das Städtchen Newel.

Nirgendwo ein Segelboot auf den Seen, von denen es tausende gibt, teils größer als die Müritz. Kein Yachthafen oder Café. Keine Pension oder Feriensiedlung. Mitunter Menschen, die zelten oder mit dem Kajak wasserwandern. Aber – nach allem was ich gehört habe – weit, weit weniger als zu Sowjetzeiten. Die Pionierlager sind geschlossen.
In den Sommermonaten dürfte sich die Bevölkerung in diesem schönen Landstrich – der zudem für russische Verhältnisse gut zu erreichen ist – etwa verdoppeln: durch Kinder, die zur Babuschka aufs Dorf fahren, rüstige Pensionäre, die nunmehr in St. Petersburg oder Moskau wohnen, aber aus der Region stammen und das Sommerhalbjahr auf dem Land verbringen. Und zunehmend, wenngleich bis jetzt vereinzelt, Touristen aus den Städten, die „Urlaub auf dem Land“ machen.
Meine Erlebnisse waren unspektakulär: Einsamkeit, eine gänzlich ungewohnte Ruhe, ein Sternenhimmel, dessen Schönheit man sich als Mitteleuropäer gar nicht vorstellen kann. Gespräche mit Menschen, denen man begegnet: Beispielsweise einem Moskauer Mathematiker, der ganz allein in einem verlassenen Dorf lebt, an einem glasklaren, lang gezogenen See. Oder einem auffallend gut aussehenden jungen Mann, der nach eigenen Worten bereits seit einigen Monaten mit zwei Frauen in der Wildnis zeltete. Ich habe die beiden leider nicht zu Gesicht bekommen …
Ich bin nie jemandem begegnet, der ähnlich wie ich mit dem Rad unterwegs war.
Mein Rat:
Fahren Sie mit dem Nachtzug von St. Petersburg Richtung Süden bzw. von Moskau aus Richtung Westen, z.B. nach Velikij Luki, Sapadnaja Dwina oder etwa Newel. (Fahrkarten lassen sich problemlos und günstig auch von Deutschland aus im Internet erwerben, z.B. bei http://www.russianrailways.com/). Kaufen Sie sich dann vor Ort ein Fahrrad, z.B. solch ein schickes aus weißrussischer Produktion, wie ich es für Touren genutzt habe:
Solch ein Rad kostet neu keine 100 Euro. Einige der Räder, die ich im Verlauf der Jahre gekauft habe waren zuverlässig, andere hatten bereits am ersten Tag eine erhebliche Macke. Nehmen Sie also Flick- und Werkzeug mit.
Besorgen Sie sich Kartenmaterial. Das brauchen Sie unbedingt.

Fahren Sie los! Verlassen Sie sich aber nicht auf das Kartenmaterial! Die Karten bieten lediglich Anhaltspunkte. Russen selbst rechnen nicht damit, dass die Karten die Wirklichkeit abbilden. Sie wundern sich eher, dass es überhaupt Pläne gibt. Zu Sowjetzeiten unterlagen Stadt- und Landpläne weitgehend der Geheimhaltung. Man wollte dem Gegner die Sache erschweren! Und machte somit auch der eigenen Bevölkerung das Leben komplizierter als es sein musste. Detailliertes Kartenmaterial gibt es erst seit den 90er Jahren, in einer nicht allzu hohen Auflage. Die Bewohner der Region haben häufig überrascht reagiert, dass es mittlerweile Karten mit guten Maßstäben gibt.
Vorsicht: Meiner Erfahrung nach existieren die Straßen und Wege in der Regel nicht mehr, die die Grenzen von Oblasti (also „Bundesländern“) bzw. Kreisen überqueren. Dies trifft zum erheblichen Teil auch auf die Wege zwischen Dörfern zu. Richten Sie sich darauf ein, immer wieder umkehren zu müssen. Planen Sie Ihre Routen so, dass mehrere Optionen bleiben, falls sich Wege als Sackgassen oder als nicht mehr passierbar herausstellen, was häufig der Fall sein wird.
Zelten Sie, wo es Ihnen gefällt! Viele der schönsten Stellen werden unzugänglich sein, aber es werden noch hinreichend viele übrig bleiben.
Nehmen Sie etwas gegen Mücken und Stechfliegen mit. Das Beste, was Sie bekommen können. Sie werden es brauchen …
So, das ist die herbe Variante. Die russische. Es gibt auch eine weißrussische: So bin ich mit dem Zug von Moskau nach Orscha gefahren, einem Eisenbahnknotenpunkt im Osten Weißrusslands. Dort habe ich mir ein Rad gekauft und diesen zuverlässigen Atlas, der im Handel weiterhin erhältlich ist (http://www.belkarta.by).

Und bin losgefahren.
Der Unterschied zwischen Russland und Weißrussland ist frappierend: Auf der russischen Seite verfallen Dörfer, unzählige Häuser und zahllose Menschen. Der Mensch zieht sich zurück, die Natur übernimmt das Kommando. Nichts dergleichen in Weißrussland: Dörfer leben, auf meiner 400km-Tour durch die weißrussische Provinz habe ich kein verfallenes Haus gesehen, die Landwirtschaft floriert, Menschen, die wie Alkoholiker aussehen, haben gleichwohl eine Arbeit, werden ins Kollektiv eingebunden. Wenn Menschen in Russland Beeren oder Pilze anbieten, dann stehen sie vereinzelt an den Straßenrändern. Ganz anders in Weißrussland: Dort bietet man gemeinsam an, als Kollektiv.
In Russland stirbt das Dorf, in Weißrussland lebt es. In Russland ist der private Lebensstandard sichtbar höher als in Weißrussland, in Belarus wird für öffentliche Güter deutlich mehr Geld ausgegeben als in Russland. Die Straßen oder etwa öffentlichen Grünanlagen sind in einem besseren Zustand.
Weißrussland hat etwas von der Sowjetunion an sich: Das Kollektive wird höher geschätzt als das Individuelle. Seit meinem Aufenthalt kann ich die Anziehungskraft Lukaschenkos auf viele Menschen in Weißrussland und auch Russland gut nachvollziehen: Er bietet soziale Sicherheit für die unteren zwei Drittel der Bevölkerung und fordert dafür Konformität, womit das obere Drittel der Bevölkerung und die Unruhigen unzufrieden sind. In Weißrussland wird in einem deutlich höheren Ausmaß Anpassung gefordert, als dies in Russland der Fall ist. Weißrussen sind nach meinem Eindruck deutlich vorsichtiger als Russen, eine eigene Meinung zu äußern.
Ich habe auch in Weißrussland dort gezeltet, wo es schön war, also in der Regel an einem See.

In einigen Tagen werde ich mit einem weiteren Reisebericht melden. Worum es gehen wird sehen Sie auf diesem Foto …

Quellen: Gescannte Abbildungen von Karten nach den oben angegebenen Quellen sowie private Fotos.

Die Registrierungsposse

Für ausländische Russlandreisende hat der dortige Gesetzgeber noch aus Sowjettagen die Pflicht übernommen, sich am Ort des Aufenthalts registrieren zu müssen – zur „Vereinfachung“ seit einigen Jahren auf jedem Postamt. Das trifft jeden, der irgendwo länger als drei Tage ist.

Nur wer in einem großen Hotel übernachtet, für den übernehmen die entsprechenden Hoteliers diese Formalia. Wir tun das nicht und finden uns angesichts schlechter Erfahrungen in Vorjahren mit unserem Gastgeber und mulmigem Gefühl auf der nächsten Poststelle im Provinz-Kurort Sol-Ilezk kurz vor der kasachischen Grenze ein. Hier gibt es zwar viel Tourismus, aber praktisch ausschließlich aus Russland und Kasachstan. Ohne persönlich anwesenden Gastgeber waren wir schon auf einer früheren Reise gescheitert, obwohl dessen Anwesenheit keine Pflicht ist. Wir kennen uns aus und haben das schon ausgefüllte Formular und eine Kopie von Visum- und Fotoseite des Reisepasses im Gepäck. Mehr braucht es laut Regierungsvorschrift nicht. Die Post stempelt das und schickt es ans Migrationsamt – fertig. Der Abschickstempel wird bei der Ausreise kontrolliert und beim Fehlen kann es eine empfindliche Strafe geben – wegen Verstoßes gegen die Registrierungspflicht.

Bei der russischen Post geht es wie fast immer sehr gemächlich zu und so dauert es eine Weile, bis wir dran sind. Unser Wunsch nach Registrierung eines Deutschen erntet – ebenfalls wie gewohnt außerhalb von Großstädten – einen leicht überforderten, aber strengen Blick. Nur die Cheffin könne das – verweist uns die Schalterfrau an die Nachbarschlange. Das ist nichts neues und keine zehn Minuten später sind wir bei dieser an der Reihe.

Besagte Provinzpost-Chefin nimmt unsere Unterlagen in Empfang und fuhrwerkt erst in unserem Formular herum. Sie könne uns nur für drei Monate registrieren, der eingetragene Zeitraum sei falsch. Der Einwand, das Visum des Gastes laufe nur einen Monat, gilt nicht. Das Fatale daran ist, dass jede Ausstreichung bedeutet, dass man das hochamtliche Formular nochmals ausfüllen muss, damit es die Provinzpost annimmt. Doch damit nicht genug. Wo sei eigentlich der Nachweis der Krankenversicherung? Den habe man bei den bisherigen Reisen zur Registrierung nie gebraucht. Ohne Nachweis gäbe es hier keine Registrierung. Ohne Nachweis hätte der Gast aber doch gar kein Visum bekommen, das hier ja klebt und kopiert sei! Der nächste bitte.

Also geht es für die Gäste und den Gastgeber zurück zur Unterkunft, Versicherungspolice holen, diese an einer dritten Stelle kopieren ( die Post hier kopiert nicht) und erneut in die Chefschlange bei der Post anstellen. Als man wieder an der Reihe ist, durchsucht die Cheffin nochmals die Unterlagen. Hier seien nur Kopien von zwei Seiten des Passes, man benötige alle Seiten, meint sie. Der Einwand, bei allen bisherigen Reisen und Postämtern (im Pass klebt ein Dutzend Russlandvisa) hätten die Seiten von Foto und aktuellem Visum genügt, überzeugt nicht. Überhaupt, meint die Frau von der Post: Warum registrieren Sie hier und nicht bei der Einwanderungsbehörde, wo die Post das Zeug sowieso hin schickt? Weil die russische Regierung vor einigen Jahren die Registrierung über die Post für den Bürokratieabbau eingeführt hat, ist unsere Antwort. Leider offenbar ohne die entsprechende Schulung des zuständigen Postpersonals, wie wir schon mehrfach feststellen mussten – eigentlich bei jeder Registrierung abseits von Metropolen.

Da dann auch die spontane Drohung des russischen Gastgebers, das hier sei ein deutscher Journalist und das hier komme in die ausländische Zeitung nichts fruchtet, reist das Grüppchen nun wirklich zur Behörde, zwei Straßen weiter. Mittlerweile ist es 12:30 Uhr, zwei Stunden seit dem Start des bürokratieberuhigten Registrierungsversuchs. Dort weist man die Registrierungswilligen zunächst darauf hin, dass man um 13 Uhr schließt, also schon in 30 Minuten, und dann auf die Zuständigkeit der Post seit einigen Jahren – zur Entbürokratisierung. Hier direkt gehe nichts – womit der nächste Weg vorgezeichnet ist – zum Kopiershop und zur Ablichtung der restlichen Seiten des Reisepasses.

Keine Stunde später findet sich das Grüppchen wieder in der postalischen Chefschlange. Alles ist schon gespannt, was nun geschieht. Einige gestrenge Blicke auf die Unterlagen und – tatsächlich gibt es den erhofften Stempel. Für dieses mal ist es geschafft. „Russland“ ertönt es frustriert hinter den Gästen. Es sprach der russische Gastgeber. Es fragt sich aber wirklich, wann dieses Registrierungs-Relikt endlich auf dem Müllhaufen der Geschichte landet.

Roland Bathon, russland.RU, Sol Ilezk, Orenburgregion, Foto: (c) russland.RU 2014