Die geheimnisvolle Pracht des Goldenen Rings

[von Michael Barth] Zweifelsohne zählt der sogenannte Goldene Ring mit zu den meistbesuchten Reisezielen in Russland. Der Gürtel aus altrussischen Städten, der sich um Moskau spannt, dominiert durch seine unzähligen Zwiebeltürme von Klöstern und Kirchen. Hier ist das alte Russland noch in all seiner Pracht greifbar und allgegenwärtig.

Als Besucher fühlt man sich in eine Zeit versetzt, in der die Handelsstädte unweit der Hauptstadt ihre kostbaren Waren von Kaufleuten, die die Wolga und ihre Nebenflüsse entlang fuhren, beliefert wurden. In die Zeit, in der der orthodoxe Glaube in Russland den täglichen Rhythmus bestimmte, in der die berühmtesten Ikonenmaler des Landes ihre Kunstwerke schufen. Aber auch in die Zeit der Mongolenstürme, die auf das Reich der Zaren niedergingen und deren Zeugnisse als prachtvolle Fresken an den Kirchenwänden verewigt wurden. Die Landschaft zwischen den Orten entspricht dem Bild, das der Reisende von daheim mitbringt: Birkenhaine und Kiefernwälder, Flüsse und Bäche mit sumpfigem Hinterland – Russland.

In einer Entfernung von rund 75 bis 250 Kilometer zu Moskau gelegen, sind die Städte des Goldenen Rings bequem mit Bus und Bahn zu erreichen. Außerdem bietet sich den Touristen die Möglichkeit einer organisierten und geführten Rundreise im Luxusbus. Eine Option, die bei Reiseveranstaltern gerne von ausländischen Besuchern in Anspruch genommen wird. Man sollte sich deshalb nicht wundern, wenn man in der Saison nicht gerade einen noch unberührten Geheimtipp bereist. Jährlich werden die Sehenswürdigkeiten von Millionen Touristen besucht. Dementsprechend gehören sie zu den infrastrukturell erschlossensten Anziehungspunkten des Landes. Vom wirtschaftlichen Faktor für die jeweiligen Regionen ganz zu schweigen.

Lassen auch wir die Exkursion in der Zwölfmillionenmetropole Moskau beginnen und uns unserer Reiseleiterin Dr. Susanne Pfau anvertrauen. Frau Dr. Pfau hat zu diesem Zweck einen Bildband erstellt, der weit über ein gewöhnliches Fotosammelsurium hinaus geht. In enzyklopädischer Gründlichkeit schuf sie während zwei Jahren Recherche, Reisen und Kontaktaufnahmen ein Werk im Selbstverlag, das dem Betrachter die Geheimnisse und Schätze entlang der Reiseroute in so bisher noch nicht erschienenen Weise näher bringt.

Sakrales und Alltägliches

Von dem Glanz der rund 140 Kirchen und 50 Klöstern bringt uns die Autorin fünf Stationen akribisch näher. Die Reise beginnt in Moskau, wo mit der einstigen Zarenresidenz und dem heutigen Regierungssitz, dem Kreml, der erste Eckpfeiler der religiösen und politischen sowie der kulturellen Welt des alten und modernen Russlands vorgestellt wird. Historische Daten zur Stadtgeschichte und Legenden zu den Sehenswürdigkeiten erschaffen, wie auch in den weiteren jeweiligen Kapiteln, ein transparentes Bild, das durch die unzähligen Fotografien lebendig wird. Jedes Foto wird durch einen ausführlichen Begleittext erläutert und vermittelt so die Entstehung und den Zweck der einzelnen Bauwerke im Gesamtensemble.

Spätestens im nächsten Kapitel des Buches, das den Leser nach Sergijew Plossad geleitet, wird deutlich, weshalb die Touristenmagneten des Goldenen Rings in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen worden sind. Auch wenn die Städte aus dem Mittelalter stammen, der Begriff des Goldenen Ringes ist gerade einmal fünfzig Jahre alt und wurde von Juri Blytschkow, einem sowjetischen Journalisten geprägt, der seinerzeit ein Konzept historischer russischer Orte rund um Moskau für die Kulturzeitung „Sowjetskaja Kultura“ ausarbeitete.

Ihre guten Kontakte verhalfen Frau Dr. Pfau zu den beeindruckenden Innenaufnahmen der Klosterkirchen, die den Betrachter die Besonderheit der im Buch vorgestellten Objekte spürbar machen. Überhaupt ist es die Fülle an Wissen, die dieses Werk über einen Bildband hinaus zu etwas Besonderem macht. Beim Bummel durch verwinkelte Gassen mittelalterlicher Städte erfährt der Leser von echten und von falschen Zaren, von Gläubigen und Heiligen. Wo wurden noch gleich die berühmten Matrjoschkas hergestellt, wo befindet sich das Bügeleisenmuseum? Selbstverständlich nehmen, ohne zu dominieren, auch die verschiedenen Bauepochen, die jeweiligen Bauabschnitte und deren -stile einen breiten Raum der Erläuterungen ein.

„Ich möchte die Leser durch Städte führen. Ich will Kenntnisse über das kulturelle, historische Russland vermitteln und ich möchte damit erreichen, dass sich Menschen in Deutschland und Russland begegnen“, erklärte die Autorin nachdem sie ihre Arbeit vollendet hatte. Der erste Schritt ist getan. Das begleitende Buch sei jedem, der an der altrussischen Kultur und der Pracht der russisch-orthodoxen Sakralarchitektur interessiert ist, deshalb ans Herz gelegt und eine uneingeschränkte Empfehlung für den Bücherschrank.

Über die Autorin: Dr. Susanne Pfau wurde, ungeachtet des deutschen Namens, in der russischen Stadt Jaroslawl geboren und betätigte sich später als wissenschaftliche Mitarbeiterin der pädagogischen Universität Fergana in Usbekistan. Seit sie in Deutschland lebt, engagiert sie sich stark in der Förderung soziokultureller Kompetenz im Spracherwerb. Dr. Pfau unterrichtet als lizenzierte Dozentin an der Volkshochschule Schwäbisch Gmünd in den Sprachen Deutsch und Russisch. Zudem unterrichtet die Autorin an der Musikhochschule Alfdorf Klavier sowie Akkordeon und spielt selbst im konzertanten Schwäbisch Gmünder Akkordeonorchester.

Dr. Susanne Pfau: Die geheimnisvolle Pracht der Städte des Goldenen Rings, Go For More Verlag 2016, 310 Seiten, zahlreiche Abbildungen, ISBN: 978-3000540493

[mb/russland.NEWS]

Ein Puzzle über Russland – Stephan Orth bereiste zehn Wochen Russland und schrieb darüber ein Buch

[von Daria Boll-Palievskaya] „Reportagen aus dem wilden Osten“, „Durch Russlands Weiten“, „Weites Land“, „Russki extrem“, „Mein russisches Abenteuer“, „Russland to go“ – Jahr für Jahr erscheinen in Deutschland unzählige Bücher über Russland. Am beliebtesten sind die Reiseberichte über das riesige, ewig geheimnisvolle, gefährliche und unberechenbare Land. Ein Land, über das jedes deutsche Kind weiß, dass dort „das Putin Regime“ herrscht, es dort immer kalt ist und Wodka in Strömen fließt.

Mit einem Motorrad, zu Fuß, mit der Bahn, nur einige Monate oder Jahre – die deutschen Autoren bereisen Russland auf jede erdenkliche Weise und scheuen keine Strapazen, um „dieses rätselhafte Land“ zu begreifen. Stephan Orth hat sich eine ganz besondere Art zu reisen überlegt – er wollte zu Hause bei Einheimischen wohnen und von ihnen hören, was sie von Russland halten. Das Buch „Couchsurfing in Russland. Wie ich fast zum Putin-Versteher wurde“ ist eine unterhaltsame und leichte Lektüre über das heutige Russland. „Jede neue Begegnung soll ein Puzzleteil sein“, erklärt der Autor. Und er möchte zum Putin-Versteher werden, „weil ‚verstehen’ nichts Böses ist“. Also ist er bei verschiedensten Menschen von Moskau bis nach Grozny, von der Republik Altai bis nach Wladiwostok, von Wolgograd bis nach Elista abgestiegen, hat mit ihnen geredet, gefeiert, getrunken, diskutiert. Auch auf die Krim ist er gereist.

Orth ist ein guter Zuhörer und ein guter Beobachter. Der Leser erfährt nicht nur darüber, wie die Russen leben, sondern auch, wie sie den Westen bzw. Westeuropa sehen: „Für sie ist der Kontinent ein kühles Machtkonstrukt ohne Moral und Leidenschaft, der trotz eigener Fehltritte eine starke Tendenz hat, im Namen der Menschlichkeit andere belehren zu wollen“. Und auch dafür, wie sich die russische und die deutsche Mentalität unterscheiden, hat Orth ein richtiges Gefühl. Sein Dialog mit einer russischen Mitreisenden würde gut in ein Theaterstück passen, das beschreibt, was typisch deutsch und was typisch russisch ist:
Deutschland: „Lass uns einen Plan machen, falls wir angehalten werden.“
Russland: „Wenn du dir zu viele Sorgen machst, geht es garantiert schief.“
Deutschland: “Ich würde mir weniger Sorgen machen, wenn wir einen Plan hätten.“
Russland: „Hey. Wird schon gut gehen.“

Im Laufe der Reise entdeckt der Autor spannende Wahrheiten und nummeriert sie auch. Die Wahrheit Nr. 20 lautet z.B.: „Bei der großen Mehrheit russischer Inlandsflüge kommen sämtliche Passagiere und Crewmitglieder lebendig ans Ziel“. Oder: „Russlands Dienstleistungssektor ist besser als sein Ruf“ (Wahrheit Nr. 13). Alkohol, Domostroj, Okroschka, Unterführung, Yandex, Zapoi – das sind Begriffe, die Stephan Orth in einem kleinen, im Buch gestreuten ABC zusammenfasst, und die ebenfalls bestens dazu beitragen, den russischen Alltag und die russische Kultur zu verstehen.

„Werde ich mir jetzt T-Shirts bestellen, auf denen „Putin-Versteher“ steht? Nein. Aber ich verstehe, wie Putins Land funktioniert, was seine Popularität ausmacht“. Doch hat Stephan Orth. nicht am Anfang des Buches angekündigt, er möchte „Phänomen Putin und seine Wirkung auf die Menschen“ verstehen? Warum denn dann kein T-Shirt? Wenn verstehen nichts Böses ist? Wie dem auch sei, wer schrille russische Charaktere kennenlernen, den russischen Fahrstil hautnah erleben, etwas über die russische Geschichte und russische Empfindsamkeiten und etwas darüber erfahren möchte, wodurch sich der Wodkarausch von „anderen Räuschen“ unterscheidet, dem ist das Buch „Couchsurfing in Russland“ wärmstens ans Herz zu legen.

Stephan Ort: Couchsurfing in Russland, Malik (Piper Verlag) 2017, 250 Seiten, zahlreiche Abbildungen, ISBN: 978-3890294759

Auch in Russland: „Auf alles vorbereitet“

Koffer gepackt, Bündel geschnürt und ab in den Urlaub. Halt – wir hätten noch einen Ratgeber für alle Lebenslagen des unerschrockenen Travellers. Keine Sorge, es handelt sich bei dem Buch, das wir Ihnen diesmal näher bringen möchten um kein alternatives Überlebenswerk, das einem verrät, welche Maden und Wurzeln wie am besten munden.

Wer viel auf Reisen ist und glaubt, er hätte jede Situation bereits erlebt und locker im Griff, wird sich jetzt sicherlich mit gerümpfter Nase fragen, was wir eigentlich noch von ihm wollen. Werfen Sie einfach einmal einen Blick in diese ‚Life Hacks für unterwegs‘. Wir gehen jede Wette ein, auch Ihnen noch ein respektvolles „Aha“ abzuringen. Für alle Unvoreingenommenen bietet das Buch mit dem vielversprechenden Titel „Auf alles vorbereitet“ praktische Tipps, die so gut wie jede Lage meistern lassen.

Was das jetzt mit Russland zu tun hat, fragen Sie? Glauben Sie uns, wo sonst als in Russland wäre man selbst in der „Zivilisation“ auf den alltäglichen Pragmatismus angewiesen. Mal klemmt dies, mal zwackt das – alles kein Problem, wenn man ein paar Kniffe verinnerlicht, die das Reisen leichter machen. Auf 160 kurzweilig zu lesenden Seiten erfährt der Traveller, welche nützlichen Begleiter, die keinen Platz wegnehmen aber nicht minder unverzichtbar sind, in seinem Reisegepäck auf keinen Fall fehlen sollten.

Handtuch, Haargummi, Gaffa-Tape – Sie werden staunen, was man mit derlei Utensilien alles anstellen kann, um sich den Trip in die Ferne um ein Vielfaches komfortabler zu machen. Insgesamt vereinen sich dreihundert unverzichtbare Tipps für alle Lebenslagen. Egal ob Sie nun zu Fuß, mit dem Auto oder per Flugzeug unterwegs sind. Wie lässt sich ein Smartphone für die Reise optimieren, wie findet man jederzeit den besten Platz in der Bahn? Dieser Begleiter hilft nicht nur so manches Desaster zu verhindern, sondern auch wesentlich gelassener zu bleiben.

Von der Planung bis zur Abreise bleiben so gut wie keine Fragen unbeantwortet. Darüber hinaus werden Sie sich bei der Lektüre des Ratgebers des Öfteren fragen, warum Sie eigentlich noch nie an diese Frage gedacht haben. Wer erwartet, das Buch sage einem an welche exklusiven Einkäufe man noch denken müsse, wird enttäuscht sein. So gut wie alles was man benötigt, findet sich in jedem Haushalt. Scheuen Sie sich deshalb nicht, schon einmal eine stinknormale Allzweckklammer zurechtzulegen. Sie werden staunen, wozu die Ihnen noch nütze sein kann.

In drei Kapiteln, von der Planung über die Abreise bis hin zum Aufenthalt wird jeweils untergliedert, auf was man achten sollte, damit man nicht in die Bredouille gerät. Die am Ende eines Kapitels aufgeführten ‚Specials‘ verraten jeweils „10 Gründe warum…“ Familienurlaub, Kurztrip oder Weltumrundung – egal was einen erwartet, mit diesen Tipps und Tricks ist man auf alles vorbereitet. Wir wünschen eine schöne Reise, möge sie Ihren Horizont erweitern.

DuMont Ratgeber: „Lifehacks für unterwegs: Wie ein Haargummi jede Reise rettet und 299 andere unentbehrliche Tipps & Kniffe“, Dumont Reiseverlag, 160 Seiten, 1. Auflage 2017, ISBN: 978-3770184804

Der Kern des Baikal

[von Daria Boll-Palievskaya] Der Baikalsee. „Heiliges Meer“, wie ihn die Russen mit tiefer Verehrung nennen. Auch viele Deutsche zieht er magisch an. Unzählige Bücher sind über den Baikal geschrieben, etliche Dokumentationen gedreht. Das Buch von Wolle Ing heißt „Der Kern des Baikal“. Es ist ein „Reisebericht mit Fotos, Fakten & Impressionen“, wie der Autor im Untertitel erklärt. Auf den ersten Seiten kündigt er an, was den Leser erwartet: ein Buch, dass auf dem hautnah Erlebten basiert, „praxisnahe Hinweise für Reiseinteressierte“ bietet und auch die Menschen der Region nicht zu kurz kommen lässt. Warum heißt das Ganze „Kern des Baikal“? „Der Charakter oder auch der Kern des Baikal entsteht aus einer Symbiose von drei Dingen – dem Heiligen Meer, den endlosen Weiten der sibirischen Taiga und Steppen sowie der Russischen Seele“. Und genau diese drei Komponenten hat das Buch vereint.

Neugierig auf Land und Leute, startete Wolle Ing mit einer kleinen Gruppe von Freunden seine Reise, um seinen Traum, den Baikalsee zu bereisen, zu verwirklichen. Gründlich vorbereitet, verzichteten die Reisenden auf die Dienstleistungen von Reisebüros. Sie wollten eine individuelle Reise erleben. Denn auf Pauschalurlaub hatten sie keine Lust. Und das ist ihnen durch und durch gelungen. „Freunde individueller, ungezwungener Reisen finden am Baikal ihr seelisches Eldorado“, weiß der Autor. Aber wo sollte man starten? Kann man die ganze „Perle Sibiriens“ in zwei Wochen bereisen? Die Gruppe fand einen Reiseveranstalter, der Begleitung vor Ort bot, mit dem zusammen auch die Route geplant worden ist. Ein ganzes Jahr wurde die Reise organisiert und geplant. Die Reiseführerin Ljudmila erwies sich als sehr hilfreich und „von hohem Nutzen“.

Und dann ging es los.

In seinem Buch erzählt Wolle Ing mit großer Begeisterung über Baikal – „das Paradies für die Sinne“. Der Leser lernt Irkutsk kennen, besucht den Nationalpark Pribaltijskij (Allein „dieser Nationalpark ist ein riesiges Terrain, das der Umsetzung aller Wünsche manche Optionen offenlässt“). Also führte die Reise „in die südliche Baikal-Hälfte, entlang des Baikal-Gebirges am Westufer, über das Kleine Meer und über die größte Insel auf dem See, die Insel Olchon“. Ein Stück der Route wird auch mit der berühmten Transsib zurückgelegt.

Neben dem spannenden Reisebericht erfährt der Leser viele nützliche Informationen über Flora und Fauna der Region, über die Geschichte der Besiedlung am Baikal, über die Eroberung Sibiriens und über den Schamanismus (wir lernen auch einen echten Schamanen Valentin kennen). „Ein Beispiel einer Reiseroute“ und Antworten auf „Kernfragen“, die höchstwahrscheinlich bei Allen, die Baikal sehen wollen beschäftigen, runden diesen vielseitigen Reisebericht ab. Die vielen fantastischen Bilder, die die atemberaubende Natur des Baikalsees und die Schönheit seiner Region dem Betrachter näher bringen, tragen dazu bei, dass man Lust hat, das „Heilige Meer“ so schnell wie möglich zu bereisen.

„Der Baikal, dieser Gigant unseres Planeten – er wird mir, wie meinen Mitreisenden unvergesslich bleiben“, schreibt der Autor sein Buch abschließend. Und genau dieses Gefühl hinterlässt er auch beim Leser.

Daria Boll-Palievskaya – russland.NEWS

Petersburg für „richtig“ Interessiere

Neu aufgelegt wurde der Sankt Petersburg Führer aus dem Hause Baedeker. russland.RU hat ihn sich einmal angesehen – denn schon lange standen die Vorzeichen für eine Reise an die Newa nicht mehr so positiv, wie in diesem Sommer.

Viele Gründe sprechen in diesem Sommer oder Spätsommer für eine Reise nach Sankt Petersburg.  Der unbeschreiblicher Flair einer kaum zu übertreffenden Kultur-Metropole, unzählige Sehenswürdigkeiten und ein äußerst lebendiges Nachtleben – die Stadt gehört zu den interessantesten Großstädten der Welt. Und eigentlich spricht nichts gegen eine solche Reise 2014, am allerwenigsten die Ukrainekrise, die von der Newa über 1.500 Kilometer weit entfernt stattfindet. Dennoch zögern diesen Sommer viele Mitteleuropäer bei einem Trip in die russische Metropole und schaffen damit dem schlauen Urlauber einen zusätzlichen Grund, Piter in diesem Sommer einen Besuch abzustatten: Nie mehr wieder werden die sonst oft überlaufenen Hauptattraktionen der Stadt wie das Bernsteinzimmer, der Winterpalast der Zaren oder die Gärten von Peterhof ähnlich dünn besuchts zu sehen sein.

Baedeker als Führer für die, die mehr wollen

Der Baedeker-Führer ist hierbei der beste Begleiter für alle, die eine längeren Aufenthalt als nur 3-4 Tage planen oder auch sich über besichtigte Sehenswürdigkeiten tiefer informieren möchten, als das über die üblichen Mini-Führer aus den Drehständern an den Eingänger deutscher Buchhandlungen möglich ist. Denn der Baedeker Sankt Petersburg bietet über 300 Seiten voller fundierter Informationen zur Stadt. So kann er sowohl bei den bekanntesten Attraktionen mehr in die Tiefe gehen als auch mehr Geheimtips ins Programm aufnehmen, als die meist dünneren Führer der Konkurrenz. So eignet er sich auch gerade für Individualreisende, die etwas abseits von den üblichen Touristenpfaden suchen.

Nach etwa 50 Seiten Hintergrundinfos zur Stadtgeschichte, Kunst, Kultur und geografischen Fakten folgen noch einmal so viele Daten zur örtlichen Gastronomie, Museen, Shopping und Übernachtungsmöglichkeiten. Eher kurz sind die Tourenvorschläge – der Baedeker nimmt wohl bewusst seine Leser hier nicht „an die Hand“, da Individualreisende und Leute, die eine Stadt tiefer erkunden wollen, sich eher nicht an vorgefertigten Tourvorschlägen orientieren, sondern sich ihren Weg durch die Stadt selbst erarbeiten. Das kann man mit Hilfe des Baedekers auch gut. Denn die folgende Schilderung der Sehenswürdigkeiten nimmt weit über 100 Seiten ein und in diesem „Katalog“ findet in Petersburg wohl jeder Reisende etwas, was ihn selbst interessiert. Praktische Informationen wie Anreise, Geld, Gesundheit, Reisezeit usw. schießen auch die Baedeker-Führer wie die meisten seiner Konkurrenten ab.

Spezielle Ausklappseiten als zusätzliches Plus

Die Fotos im Führer sind natürlich hockklassig, der Stadtplan in einer Einschubtasche am Buchende auf jeden Fall ausreichend, so dass man kein zusätzliches Kartenmaterial mehr braucht. Eine Besonderheit sind mehrere Ausklappseiten im Buch, die herausragende Sehenswürdigkeiten wie die Sankt-Isaakskathedrale oder die Peter-Pauls-Festung noch einmal schematisch mit 3D-Querschnitten erläutern und zusätzlich zu einer großen Übersichtlichkeit beitragen. Auf eine übermäßig große Anzahl von Symbolen verzichtet das Werk und beschränkt diese vor allem auf das Preisniveau geschilderter Hotels und Gastronomie. Vom Preiseniveau liegt der Führer dann natürlich auch etwas höher als seine Konkurrenz, was aber zu verschmerzen ist.

Alles in allem ist der Baedeker-Führer Sankt Petersburg eine lohnenende Anschaffung für jeden, der mehr als 2-3 Tage in der Stadt verbringen und sich dort ein individuelles „Programm“ zusammenstellen will. Wer jetzt noch zögert, sollte sich einen Ruck geben – eine wunderschöne Städtereise in eine wunderschöne Stadt wird der Erlös sein. Auch mehrere unserer deutschen Redaktionmitglieder werden den Trip in die einzigartige Stadt an der Newa machen und auf Zarenpracht in entspannter Atmosphäre hoffen.

Daten zum Buch: Baedeker – Sankt Petersburg, Verlang Karl Baedeker, Ostfilderm 2014, ISBN 978 3829714624

Roland Bathon, russland.RU

Hommage an einen sibirischen Strom

Wenn Tatjana Kuschtewskaja mit ihren Lesern eine Reise durch Russland macht, ist das stets ein außergewöhnlicher Lesegenuss. So auch bei der jüngsten Neuerscheinung der ukrainischstämmingen Erfolgspublizistin, in der sie sich mit dem mächtigen sibirischen Jenissei beschäftigt, dem Strom, der die größte Landmasse der Erde fast in der Mitte teilt. „Der Jenissei – ein sibirischer Strom“ ist eine uneingeschränkte Leseempfehlung der russland.RU-Redaktion.

Mehr als ein Reisebuch

Standesgemäß beginnt die literarische Reise der Autorin an den Quellen des Jenissei in Mittelasien und führt von dort bis ans Norpolarmeer, wo sich der Strom bei der Siedlung Dikson ins ewige Eis ergießt. Doch nicht nur lebendig geschilderte Naturschönheiten, Metropolen wir Krasnojarsk oder Naturreservate erleben wir auf der Reise. Denn Kutschtewskajas Reisebücher leben zusätzlich von ihrem schier unerschöpflichen Wissen über Hintergründe der geschilderten Regione. Wir erleben Mythen der sibirischen Völker, örtliche Anekdoten aus Zaren- und Sowjetzeit bis hin zu Lenins und Stalins Verbannungen, Begegnungen mit außergewöhnlichen Einheimischen, Reiseerlebnisse aus der Jugend der Autorin und vieles mehr. Alles dermaßen geschickt eingewebt in den Plot, dass sie mit dem puren Reiseerlebnis schier verschmelzen und die Atmosphäre der sibirischen Weiten lebendig werden lassen. Und das übrigens nie zu weitschweifend an einem Punkt, denn trotz der Fülle der Informationen ist das Buch kompakte 200 Seiten stark.

Ein Muss für Sibirien-Fans

So wird nicht nur die aktuelle sibirische Landschaft an den Ufern des Jenissei greifbar, sondern ebenso ihre Geschichte wie das heutige Leben der Menschen vor Ort. Wen es nach dem Studium des Buches nach Sibirien zieht, der findet am Ende des Textes noch sinnvolle Hinweise aus erster Hand an Individualtouristen, die tief in den Zauber des Russland weit hinter dem Ural eintauchen möchten. Neben Routenvorschlägen gibt es hier auch Surftips und ein Mini-Wörterbuch. Wer Interesse für Sibirien hat, für den ist „Der Jenissei – ein sibirischer Strom“ ein echtes Muss für den eigenen Bücherschrank.

Daten zum Buch: Tatjana Kuschtewskaja – Der Jenissei-ein sibirischer Strom, Wostok Verlag Berlin 2014, ISBN 9783932916618

Roland Bathon, russland.RU

Spannende russische Abenteuer zur Seelensuche

Es ging schon ein innerliches Stöhnen durch den Rezensenten, als ihm ein erneutes Buch mit der „Suche nach der wahren russischen Seele“ im Untertitel zur Besprechung angetragen wurde. Denn hierzu gibt es schon Tonnen mittelmäßiger Literatur. Aber dieses Buch ist keine. Tatsächlich ist „Mein Russisches Abenteuer“ von Jens Mühling wirklich ein sehr spannender Reisereport über mehrere langfristige Aufenthalte des Autors in Russland bis hin zur Steppe und Taiga Sibiriens.

So liest sich das Buch spannend wie ein Roman. Der Autor, ein sehr Russland-kundiger Journalist des Tagesspiegel, schlägt seinen reisenden Bogen von Kiew über Moskau, Sankt Petersburg bis nach Sibirien und in den Ural. Er ist auf der Suche nach interessanten Extremen, von denen er aus der Presse gehört hat und solche gibt es in Russland zuhauf. Einen falschen neuen Christus im mückenverseuchten Teil Sibiriens, Altgläubige, die fast alles Moderne bis hin zur Strichcode-Ware ablehnen, die in einer Pathologie-Schublade Jekaterinburgs liegen gebliebenen Gebeine von zwei Mitgliedern der ermordeten Zarenfamilie – das Buch liest sich wie ein Krimi und der unbedarfte Deutsche kommt aus dem Staunen gar nicht heraus.

Geschickt stellt der Autor verschiedene Extreme kurz hintereinander gegenüber. Gerade noch bei Slawen zu Gast, die absichtlich in das vorchristliche Heidentum zurückgefallen sind besucht er als nächstes Sankt Petersburg auf der Spur des wohl wichtigsten Neuerers in der russischen Geschichte, Peter dem Großen. Gerade erfolglos auf der Suche nach einer verschollenen Einsiedlerin in der Taiga gescheitert, kehrt er in den zivilisierten Teil des Ural zurück und berichtet von dortigen interessanten Ausgrabungen aus grauer Vorzeit.

Die ständige Schilderung von Extremen auch für russische Verhältnisse ist denn auch der einzige Vorwurf, den man Mühling machen muss. Vor allem, weil er nicht deutlich macht, dass es sich auch für Russland hier um Extreme handelt. Die Leute und Stätten, die Mühling sucht, sind das Unglaubliche, das Radikalste, was man in Russland aus mitteleuropäischer Sicht finden kann. Es sind Dinge, die auch für russische Verhältnisse sehr ungewöhnlich sind, was im Buch aber nicht so dargestellt wird. So taugt „Mein Russisches Abenteuer“ sehr gut zur Unterhaltung für Russland-Interessierte, egal wie viel man über das Land weiß. Jedoch taugt es nicht, um Unerfahrenen ein korrektes Bild Landes zu geben, ja birgt die Gefahr der Schaffung neuer Klischees. Vom heutigen russischen Alltag enthält es wenig.

Es ist ein wenig, als würde man sich den russischen Straßenverkehr über eine Serie spektakulärer Unfallvideos näher bringen wollen. Mühlfelds Gesprächspartner, wie der vorgebliche Nachkomme des eigentlich im Kindesalter ermordeten letzten russischen Thronfolgers, sind auch in Russland Sonderlinge. Dies sollte man beim lesen nicht vergessen. Ob man die russische Seele in russischen Extremen findet, sei ebenfalls dahingestellt. Würde man die deutsche „Seele“ finden, wenn man germanische Neuheiden, Freikirchen-Aktive und einige abgedrehte Berliner Künstler besucht, um dem Goethes Lebenslauf gegenüber zu stellen? In der Tat würden sie etwas über deutsche Eigenarten verraten, wie auch Mühlfelds Buch, aber hauptsächlich zwischen den Zeilen und nicht als Abbild der Gesellschaft. Zugute zu halten ist dem Autor jedoch, dass er die „Seelensuche“, anders als andere, nicht in Moskau, sondern im Reich „jenseits des Autobahnrings“ betreibt, wo Russland in der Tat wesentlich russischer ist, als in seiner Hauptstadt.

Gut unterhalten wird man vom „Russischen Abenteuer“ aber auf jeden Fall. Es gehört ja auch zum Reiz von Russland, dass es hier Dinge gibt, die man überall sonst für unmöglich halten würde. So auch das Finale von Mühlings Buch, das Auffinden einer jahrzehntelang der Außenwelt unbekannten Einsiedlerin. Diese lebte als Überbleibsel einer vor den Sowjets in die Taiga geflohenen Altgläubigen-Gemeinde heute noch dort, mit minimalem Kontakt zur übrigen Welt. Doch auch hinter ihr fand Mühlfeld noch Legenden über noch weiter in den Wald Geflohene und bis heute Verschollene, die ins Fantastische reichen.

So ist „Mein russisches Abenteuer“ eine unbeschränkte Leseempfehlung für jeden, der schon ein wenig über Russland weiß und etwas über unglaubliche, aber wahre Extreme des Landes erfahren will. Wer keine Vorkenntnisse über das Land hat, wird ebenso gut unterhalten, sollte sich aber immer vergegenwärtigen, dass er hier nicht über das durchschnittliche Russland informiert wird. Sonst könnte beim ersten Moskau oder Sankt Petersburg Besuch die Enttäuschung folgen, wie „normal“ viele Dinge in Osteuropa doch sind.

Daten zum Buch: Jens Mühling, Mein Russisches Abenteuer, auf der Suche nach der wahren russischen Seele; Dumont Verlag, Köln 2013, ISBN 978-3770182589

Roland Bathon – russland.RU

Kurze Skizzen aus Irkutsk

In seinem Buch „Irkutsker Skizzen“ verarbeitet der Autor Raimond Dittrich Reiseerfahrungen und Kenntnisse, die er über die Stadt seit 2006 auf zahlreichen Reisen gesammelt hat.

Ein Reisebericht ist das Buch aber eher nicht, auch wenn es sich beim Buch um eine immer wieder unterbrochene Schilderungen von Reiseerlebnissen handelt. Gerade diese Unterbrechungen sind in dem sehr kurzen Werk (unter 100 Seiten mit Anhang) aber derart umfangreich, dass sie dem Gesamtwerk den Charakter einer Reisebeschreibung vollends nehmen. Anekdoten, die treffend den russischen Alltag abseits von Moskau beschreiben, findet man demzufolge auch nur vereinzelt und wer so etwas sucht, ist bei den „Irkutsker Skizzen“ falsch.

Das Interesse des Autors gilt vielmehr der gehobenen Literatur, die in Irkuzk entstand, der ernsthaften Beschäftigung mit der Geschichte, Architektur und Kultur der Stadt. Das moderne, „konsumorientierte“ (Zitat) Russland interessiert Dittrich eher wenig. Die orthodoxe Religion, das Sibirien alter Tage, der Aufenthalt der verbannten Dekabristen, das sind eher Dittrichs Themen. Hier hat er sich aber eine fast unlösbare Aufgabe gestellt. Gerade das von ihm bearbeitete Gebiet kann man auf weniger als 70 Seiten kaum mehr als hier und da etwas ankratzen, ohne echte Zusammenhänge aufzuzeigen. Denn die letzten 30 Seiten sind purer Anhang und eine – zugegebenermaßen – sehr schöne Sammlung von Fotos. Die Tiefe beim tiefgründigen Themenschwerpunkt fehlt etwas.  Unverständlich ist zudem, dass der Autor alle russischen Begriffe streng wissenschaftlich in die lateinische Schrift überträgt, was das Lesen für Russisch-unkundige Leser unnötig erschwert. Denn kaum jemand abseits von Linguisten weiß, wie er Laute wie č, ë oder š auszusprechen hat und es gibt einfachere Möglichkeiten, Mitteleuropäern russische Begriffe zugänglich zu machen. Etwa, wenn man vom Zaren Peter dem Großen anstatt Piëtr spricht.

Zusammenfassend ist das Buch ein lohnender Kauf für jene, die eine Reise nach Irkuzk planen und vor allem an den „klassischen“ Themen einer Bildungsreise interessiert sind. Oder sich aus anderen Gründen kurz über die kulturelle Tradition der Stadt informiert werden möchten. Hier bietet Dittrich tiefer gehende Informationen als ein purer Reiseführer oder andere Reiseberichte, ohne ausschweifend zu werden. Einen Einblick in den Irkuzker Alltag oder das moderne Leben der Stadt bietet sein Buch jedoch nicht.

Daten zum Buch: Raymond Dittrich, Irkutsker Skizzen – Reiseimpressionen, Engeldorfer Verlag Leipzig, 2013, ISBN 978-3-954884742

Roland Bathon / russland.TV