Die Registrierungsposse

Für ausländische Russlandreisende hat der dortige Gesetzgeber noch aus Sowjettagen die Pflicht übernommen, sich am Ort des Aufenthalts registrieren zu müssen – zur „Vereinfachung“ seit einigen Jahren auf jedem Postamt. Das trifft jeden, der irgendwo länger als drei Tage ist.

Nur wer in einem großen Hotel übernachtet, für den übernehmen die entsprechenden Hoteliers diese Formalia. Wir tun das nicht und finden uns angesichts schlechter Erfahrungen in Vorjahren mit unserem Gastgeber und mulmigem Gefühl auf der nächsten Poststelle im Provinz-Kurort Sol-Ilezk kurz vor der kasachischen Grenze ein. Hier gibt es zwar viel Tourismus, aber praktisch ausschließlich aus Russland und Kasachstan. Ohne persönlich anwesenden Gastgeber waren wir schon auf einer früheren Reise gescheitert, obwohl dessen Anwesenheit keine Pflicht ist. Wir kennen uns aus und haben das schon ausgefüllte Formular und eine Kopie von Visum- und Fotoseite des Reisepasses im Gepäck. Mehr braucht es laut Regierungsvorschrift nicht. Die Post stempelt das und schickt es ans Migrationsamt – fertig. Der Abschickstempel wird bei der Ausreise kontrolliert und beim Fehlen kann es eine empfindliche Strafe geben – wegen Verstoßes gegen die Registrierungspflicht.

Bei der russischen Post geht es wie fast immer sehr gemächlich zu und so dauert es eine Weile, bis wir dran sind. Unser Wunsch nach Registrierung eines Deutschen erntet – ebenfalls wie gewohnt außerhalb von Großstädten – einen leicht überforderten, aber strengen Blick. Nur die Cheffin könne das – verweist uns die Schalterfrau an die Nachbarschlange. Das ist nichts neues und keine zehn Minuten später sind wir bei dieser an der Reihe.

Besagte Provinzpost-Chefin nimmt unsere Unterlagen in Empfang und fuhrwerkt erst in unserem Formular herum. Sie könne uns nur für drei Monate registrieren, der eingetragene Zeitraum sei falsch. Der Einwand, das Visum des Gastes laufe nur einen Monat, gilt nicht. Das Fatale daran ist, dass jede Ausstreichung bedeutet, dass man das hochamtliche Formular nochmals ausfüllen muss, damit es die Provinzpost annimmt. Doch damit nicht genug. Wo sei eigentlich der Nachweis der Krankenversicherung? Den habe man bei den bisherigen Reisen zur Registrierung nie gebraucht. Ohne Nachweis gäbe es hier keine Registrierung. Ohne Nachweis hätte der Gast aber doch gar kein Visum bekommen, das hier ja klebt und kopiert sei! Der nächste bitte.

Also geht es für die Gäste und den Gastgeber zurück zur Unterkunft, Versicherungspolice holen, diese an einer dritten Stelle kopieren ( die Post hier kopiert nicht) und erneut in die Chefschlange bei der Post anstellen. Als man wieder an der Reihe ist, durchsucht die Cheffin nochmals die Unterlagen. Hier seien nur Kopien von zwei Seiten des Passes, man benötige alle Seiten, meint sie. Der Einwand, bei allen bisherigen Reisen und Postämtern (im Pass klebt ein Dutzend Russlandvisa) hätten die Seiten von Foto und aktuellem Visum genügt, überzeugt nicht. Überhaupt, meint die Frau von der Post: Warum registrieren Sie hier und nicht bei der Einwanderungsbehörde, wo die Post das Zeug sowieso hin schickt? Weil die russische Regierung vor einigen Jahren die Registrierung über die Post für den Bürokratieabbau eingeführt hat, ist unsere Antwort. Leider offenbar ohne die entsprechende Schulung des zuständigen Postpersonals, wie wir schon mehrfach feststellen mussten – eigentlich bei jeder Registrierung abseits von Metropolen.

Da dann auch die spontane Drohung des russischen Gastgebers, das hier sei ein deutscher Journalist und das hier komme in die ausländische Zeitung nichts fruchtet, reist das Grüppchen nun wirklich zur Behörde, zwei Straßen weiter. Mittlerweile ist es 12:30 Uhr, zwei Stunden seit dem Start des bürokratieberuhigten Registrierungsversuchs. Dort weist man die Registrierungswilligen zunächst darauf hin, dass man um 13 Uhr schließt, also schon in 30 Minuten, und dann auf die Zuständigkeit der Post seit einigen Jahren – zur Entbürokratisierung. Hier direkt gehe nichts – womit der nächste Weg vorgezeichnet ist – zum Kopiershop und zur Ablichtung der restlichen Seiten des Reisepasses.

Keine Stunde später findet sich das Grüppchen wieder in der postalischen Chefschlange. Alles ist schon gespannt, was nun geschieht. Einige gestrenge Blicke auf die Unterlagen und – tatsächlich gibt es den erhofften Stempel. Für dieses mal ist es geschafft. „Russland“ ertönt es frustriert hinter den Gästen. Es sprach der russische Gastgeber. Es fragt sich aber wirklich, wann dieses Registrierungs-Relikt endlich auf dem Müllhaufen der Geschichte landet.

Roland Bathon, russland.RU, Sol Ilezk, Orenburgregion, Foto: (c) russland.RU 2014

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