Russland. Widersprüchliche Eindrücke

Von Dr. Christian Wipperfürth. Auf dem Weg nach Zentralasien (der Reisebericht wird in Kürze folgen) waren meine 10jährige Tochter und ich zunächst einen Tag in Moskau: Am Morgen die Ankunft mit dem Zug, am Abend sollte es mit dem Flugzeug weitergehen. Ich wollte meiner Tochter einige der touristischen Höhepunkte der Stadt zeigen: Die Prachtstraße Twerskaja, den Roten Platz, die Basilius-Kathedrale, das „GUM“, „Kitai Gorod“ und den Kreml, zumindest von außen.

Es war ein sehr heißer Tag, wir wollten schließlich rasten, nicht zum ersten Mal. Die wenigen Bänke im „Alexandergarten“, unmittelbar in Kreml-Nähe waren belegt. Darum setzten wir uns auf einen kleinen Findling, der inmitten einer Rasenfläche stand. Keine 50 Meter von den Kremlmauern entfernt. Obschon gut sichtbar angegeben war, die Grünfläche bitte schön nicht zu betreten. Was ja auch nachvollziehbar ist, wo käme man hin, wenn jeder … Wir taten es gleichwohl, ich mit einem etwas unguten Gefühl. Aber wir waren nicht die einzigen Regelbrecher vor Ort.

Wir fütterten die Stare, die einander das Futter teilweise im Flug wegschnappten. Und dann kamen zwei Polizisten über die Rasenfläche. Es wurde spannend. Fünf Meter von uns entfernt lagen drei junge Männer im Gras. Sie zeigten sich nicht beunruhigt, sondern blieben ganz ruhig liegen. Die Polizisten störten sich hieran nicht, wechselten nur ein paar Worte mit den Regelbrechern – die weiterhin keinerlei Anstalten machten sich zu erheben – und schlenderten weiter. Uns beachteten die Ordnungshüter nicht.

Diese Episode hat mich erstaunt. Bei einer ähnlichen Story in Paris habe ich ein robusteres Einschreiten der Polizei erlebt. Auch wohlwollende Beobachter sind der Ansicht, dass Russland starke Züge eines autoritären Staates trägt. Diese kleine Geschichte rechtfertigt auch keineswegs, dies in Frage zu stellen. Die Episode zeichnet gleichwohl eine andere Facette.

Kommen wir zu einem gänzlich anderen Eindruck:

Kurze Zeit zuvor habe ich in einem russischen Dorf mit einem mir gut bekannten etwa 50jährigen Bauern gesprochen, der bereits zu Sowjetzeiten in der örtlichen Kolchose gearbeitet hat. Er besaß bei dessen Auflösung einen Rechtsanspruch auf einen Anteil am beweglichen Besitz und den Immobilien der Genossenschaft. Seine Ansprüche wurden bei der Privatisierung in den 90er Jahren übergangen. Er – und zwei weitere Bauern aus dem Dorf – beauftragten eine Petersburger Rechtsanwältin, dagegen juristisch vorzugehen. Die Juristin wurde jedoch von interessierter Seite unter solch massiven Druck gesetzt, dass sie ihr Mandat zurückgab. Die Gerichtsverhandlung haben die drei Bauern verloren, sie mussten zudem noch die Gerichtskosten tragen. Das war vor einer Reihe von Jahren.

Sie bebauen weiterhin Land, das ihnen von Rechts wegen nicht gehört, machen sich also strafbar. Sie können auch keine Kredite aufnehmen, um ihre Wirtschaft zu entwickeln, da sie keine Immobilien als Sicherheit anbieten können. Im ganzen weiten Umkreis wird fast keine Landwirtschaft mehr betrieben, der Eigentümer der ehemaligen Kolchose lässt nur noch Holz einschlagen. – Auf dem Gebiet der nördlich gelegenen ehemaligen Kolchose lief die Privatisierung nach meinem Eindruck offensichtlich weit regulärer ab, dort werden einige tausend Hektar bestellt und hunderte Kühe grasen auf den Weiden.

Ich habe keinen Anlass, an der Glaubwürdigkeit der Schilderung des Bauern zu zweifeln, kenne ihn seit langem als klugen, geschickten und fleißigen Menschen.

Dieser Bauer ist kein Freund der herrschenden Ordnung Russlands, kein Anhänger des Kreml, ein willensstarker Pazifist. Gleichwohl war er sehr traditionell russisch-patriotisch, als es um den Donbas ging.

Welch ein widersprüchliches und vielfältiges Land!

Mit dem Fahrrad in Russland und Weißrussland. Reiseeindrücke und Empfehlungen

Von Dr. Christian Wipperfürth. In den vergangenen zehn Jahren bin ich tausende Kilometer mit dem Rad durch die russische Provinz gefahren. Ich war vor allem im Süden des Oblast Pskow und im Süden des Oblast Twer, also im Westen des Landes. Meistens war ich allein unterwegs, mitunter mit einem Freund.

Ich war Augenzeuge des vermutlich umfangreichsten „Renaturierungsprogramms“ der Weltgeschichte: Ich vermute, die Natur hat sich in den vergangenen 25 Jahren allein im europäischen Teil Russlands eine Fläche von der Ausdehnung Deutschlands zurückgeholt. Eher mehr als weniger. Die meisten Dörfer sind bereits verlassen, zumindest die etwa 100, die ich gesehen habe, die Landstädte haben Einwohner verloren. Newel beispielsweise, eine Kreisstadt im Süden des Oblast Pskow, hatte 1989 über 22.000 Einwohner, 2010 waren es noch gut 16.000.
Die Landschaft ähnelt derjenigen im nördlichen Brandenburg bzw. der mecklenburgischen Seenplatte: sandige Böden, leicht hügelig, unzählige Seen. Nur alles ein bisschen weiträumiger. Na ja, man befindet sich halt in Russland.

Hier folgt ein Ausschnitt aus der Landshaft im Süden des Oblast Pskow:
<p style=“text-align: center;“><a href=“http://www.russland.news/wp-content/uploads/2015/09/Nevel.jpg“><img class=“aligncenter size-full wp-image-30169″ src=“http://www.russland.news/wp-content/uploads/2015/09/Nevel.jpg“ alt=“Nevel“ width=“599″ height=“684″ data-id=“30169″ /></a></p>
Ganz rechts, in der Mitte der Karte treffen einige gelb markierten Straße zusammen, dort folgt das Städtchen Newel.

Nirgendwo ein Segelboot auf den Seen, von denen es tausende gibt, teils größer als die Müritz. Kein Yachthafen oder Café. Keine Pension oder Feriensiedlung. Mitunter Menschen, die zelten oder mit dem Kajak wasserwandern. Aber – nach allem was ich gehört habe – weit, weit weniger als zu Sowjetzeiten. Die Pionierlager sind geschlossen.
In den Sommermonaten dürfte sich die Bevölkerung in diesem schönen Landstrich – der zudem für russische Verhältnisse gut zu erreichen ist – etwa verdoppeln: durch Kinder, die zur Babuschka aufs Dorf fahren, rüstige Pensionäre, die nunmehr in St. Petersburg oder Moskau wohnen, aber aus der Region stammen und das Sommerhalbjahr auf dem Land verbringen. Und zunehmend, wenngleich bis jetzt vereinzelt, Touristen aus den Städten, die „Urlaub auf dem Land“ machen.
Meine Erlebnisse waren unspektakulär: Einsamkeit, eine gänzlich ungewohnte Ruhe, ein Sternenhimmel, dessen Schönheit man sich als Mitteleuropäer gar nicht vorstellen kann. Gespräche mit Menschen, denen man begegnet: Beispielsweise einem Moskauer Mathematiker, der ganz allein in einem verlassenen Dorf lebt, an einem glasklaren, lang gezogenen See. Oder einem auffallend gut aussehenden jungen Mann, der nach eigenen Worten bereits seit einigen Monaten mit zwei Frauen in der Wildnis zeltete. Ich habe die beiden leider nicht zu Gesicht bekommen …
Ich bin nie jemandem begegnet, der ähnlich wie ich mit dem Rad unterwegs war.
Mein Rat:
Fahren Sie mit dem Nachtzug von St. Petersburg Richtung Süden bzw. von Moskau aus Richtung Westen, z.B. nach Velikij Luki, Sapadnaja Dwina oder etwa Newel. (Fahrkarten lassen sich problemlos und günstig auch von Deutschland aus im Internet erwerben, z.B. bei http://www.russianrailways.com/). Kaufen Sie sich dann vor Ort ein Fahrrad, z.B. solch ein schickes aus weißrussischer Produktion, wie ich es für Touren genutzt habe:
Solch ein Rad kostet neu keine 100 Euro. Einige der Räder, die ich im Verlauf der Jahre gekauft habe waren zuverlässig, andere hatten bereits am ersten Tag eine erhebliche Macke. Nehmen Sie also Flick- und Werkzeug mit.
Besorgen Sie sich Kartenmaterial. Das brauchen Sie unbedingt.

Fahren Sie los! Verlassen Sie sich aber nicht auf das Kartenmaterial! Die Karten bieten lediglich Anhaltspunkte. Russen selbst rechnen nicht damit, dass die Karten die Wirklichkeit abbilden. Sie wundern sich eher, dass es überhaupt Pläne gibt. Zu Sowjetzeiten unterlagen Stadt- und Landpläne weitgehend der Geheimhaltung. Man wollte dem Gegner die Sache erschweren! Und machte somit auch der eigenen Bevölkerung das Leben komplizierter als es sein musste. Detailliertes Kartenmaterial gibt es erst seit den 90er Jahren, in einer nicht allzu hohen Auflage. Die Bewohner der Region haben häufig überrascht reagiert, dass es mittlerweile Karten mit guten Maßstäben gibt.
Vorsicht: Meiner Erfahrung nach existieren die Straßen und Wege in der Regel nicht mehr, die die Grenzen von Oblasti (also „Bundesländern“) bzw. Kreisen überqueren. Dies trifft zum erheblichen Teil auch auf die Wege zwischen Dörfern zu. Richten Sie sich darauf ein, immer wieder umkehren zu müssen. Planen Sie Ihre Routen so, dass mehrere Optionen bleiben, falls sich Wege als Sackgassen oder als nicht mehr passierbar herausstellen, was häufig der Fall sein wird.
Zelten Sie, wo es Ihnen gefällt! Viele der schönsten Stellen werden unzugänglich sein, aber es werden noch hinreichend viele übrig bleiben.
Nehmen Sie etwas gegen Mücken und Stechfliegen mit. Das Beste, was Sie bekommen können. Sie werden es brauchen …
So, das ist die herbe Variante. Die russische. Es gibt auch eine weißrussische: So bin ich mit dem Zug von Moskau nach Orscha gefahren, einem Eisenbahnknotenpunkt im Osten Weißrusslands. Dort habe ich mir ein Rad gekauft und diesen zuverlässigen Atlas, der im Handel weiterhin erhältlich ist (http://www.belkarta.by).

Und bin losgefahren.
Der Unterschied zwischen Russland und Weißrussland ist frappierend: Auf der russischen Seite verfallen Dörfer, unzählige Häuser und zahllose Menschen. Der Mensch zieht sich zurück, die Natur übernimmt das Kommando. Nichts dergleichen in Weißrussland: Dörfer leben, auf meiner 400km-Tour durch die weißrussische Provinz habe ich kein verfallenes Haus gesehen, die Landwirtschaft floriert, Menschen, die wie Alkoholiker aussehen, haben gleichwohl eine Arbeit, werden ins Kollektiv eingebunden. Wenn Menschen in Russland Beeren oder Pilze anbieten, dann stehen sie vereinzelt an den Straßenrändern. Ganz anders in Weißrussland: Dort bietet man gemeinsam an, als Kollektiv.
In Russland stirbt das Dorf, in Weißrussland lebt es. In Russland ist der private Lebensstandard sichtbar höher als in Weißrussland, in Belarus wird für öffentliche Güter deutlich mehr Geld ausgegeben als in Russland. Die Straßen oder etwa öffentlichen Grünanlagen sind in einem besseren Zustand.
Weißrussland hat etwas von der Sowjetunion an sich: Das Kollektive wird höher geschätzt als das Individuelle. Seit meinem Aufenthalt kann ich die Anziehungskraft Lukaschenkos auf viele Menschen in Weißrussland und auch Russland gut nachvollziehen: Er bietet soziale Sicherheit für die unteren zwei Drittel der Bevölkerung und fordert dafür Konformität, womit das obere Drittel der Bevölkerung und die Unruhigen unzufrieden sind. In Weißrussland wird in einem deutlich höheren Ausmaß Anpassung gefordert, als dies in Russland der Fall ist. Weißrussen sind nach meinem Eindruck deutlich vorsichtiger als Russen, eine eigene Meinung zu äußern.
Ich habe auch in Weißrussland dort gezeltet, wo es schön war, also in der Regel an einem See.

In einigen Tagen werde ich mit einem weiteren Reisebericht melden. Worum es gehen wird sehen Sie auf diesem Foto …

Quellen: Gescannte Abbildungen von Karten nach den oben angegebenen Quellen sowie private Fotos.

Die Registrierungsposse

Für ausländische Russlandreisende hat der dortige Gesetzgeber noch aus Sowjettagen die Pflicht übernommen, sich am Ort des Aufenthalts registrieren zu müssen – zur „Vereinfachung“ seit einigen Jahren auf jedem Postamt. Das trifft jeden, der irgendwo länger als drei Tage ist.

Nur wer in einem großen Hotel übernachtet, für den übernehmen die entsprechenden Hoteliers diese Formalia. Wir tun das nicht und finden uns angesichts schlechter Erfahrungen in Vorjahren mit unserem Gastgeber und mulmigem Gefühl auf der nächsten Poststelle im Provinz-Kurort Sol-Ilezk kurz vor der kasachischen Grenze ein. Hier gibt es zwar viel Tourismus, aber praktisch ausschließlich aus Russland und Kasachstan. Ohne persönlich anwesenden Gastgeber waren wir schon auf einer früheren Reise gescheitert, obwohl dessen Anwesenheit keine Pflicht ist. Wir kennen uns aus und haben das schon ausgefüllte Formular und eine Kopie von Visum- und Fotoseite des Reisepasses im Gepäck. Mehr braucht es laut Regierungsvorschrift nicht. Die Post stempelt das und schickt es ans Migrationsamt – fertig. Der Abschickstempel wird bei der Ausreise kontrolliert und beim Fehlen kann es eine empfindliche Strafe geben – wegen Verstoßes gegen die Registrierungspflicht.

Bei der russischen Post geht es wie fast immer sehr gemächlich zu und so dauert es eine Weile, bis wir dran sind. Unser Wunsch nach Registrierung eines Deutschen erntet – ebenfalls wie gewohnt außerhalb von Großstädten – einen leicht überforderten, aber strengen Blick. Nur die Cheffin könne das – verweist uns die Schalterfrau an die Nachbarschlange. Das ist nichts neues und keine zehn Minuten später sind wir bei dieser an der Reihe.

Besagte Provinzpost-Chefin nimmt unsere Unterlagen in Empfang und fuhrwerkt erst in unserem Formular herum. Sie könne uns nur für drei Monate registrieren, der eingetragene Zeitraum sei falsch. Der Einwand, das Visum des Gastes laufe nur einen Monat, gilt nicht. Das Fatale daran ist, dass jede Ausstreichung bedeutet, dass man das hochamtliche Formular nochmals ausfüllen muss, damit es die Provinzpost annimmt. Doch damit nicht genug. Wo sei eigentlich der Nachweis der Krankenversicherung? Den habe man bei den bisherigen Reisen zur Registrierung nie gebraucht. Ohne Nachweis gäbe es hier keine Registrierung. Ohne Nachweis hätte der Gast aber doch gar kein Visum bekommen, das hier ja klebt und kopiert sei! Der nächste bitte.

Also geht es für die Gäste und den Gastgeber zurück zur Unterkunft, Versicherungspolice holen, diese an einer dritten Stelle kopieren ( die Post hier kopiert nicht) und erneut in die Chefschlange bei der Post anstellen. Als man wieder an der Reihe ist, durchsucht die Cheffin nochmals die Unterlagen. Hier seien nur Kopien von zwei Seiten des Passes, man benötige alle Seiten, meint sie. Der Einwand, bei allen bisherigen Reisen und Postämtern (im Pass klebt ein Dutzend Russlandvisa) hätten die Seiten von Foto und aktuellem Visum genügt, überzeugt nicht. Überhaupt, meint die Frau von der Post: Warum registrieren Sie hier und nicht bei der Einwanderungsbehörde, wo die Post das Zeug sowieso hin schickt? Weil die russische Regierung vor einigen Jahren die Registrierung über die Post für den Bürokratieabbau eingeführt hat, ist unsere Antwort. Leider offenbar ohne die entsprechende Schulung des zuständigen Postpersonals, wie wir schon mehrfach feststellen mussten – eigentlich bei jeder Registrierung abseits von Metropolen.

Da dann auch die spontane Drohung des russischen Gastgebers, das hier sei ein deutscher Journalist und das hier komme in die ausländische Zeitung nichts fruchtet, reist das Grüppchen nun wirklich zur Behörde, zwei Straßen weiter. Mittlerweile ist es 12:30 Uhr, zwei Stunden seit dem Start des bürokratieberuhigten Registrierungsversuchs. Dort weist man die Registrierungswilligen zunächst darauf hin, dass man um 13 Uhr schließt, also schon in 30 Minuten, und dann auf die Zuständigkeit der Post seit einigen Jahren – zur Entbürokratisierung. Hier direkt gehe nichts – womit der nächste Weg vorgezeichnet ist – zum Kopiershop und zur Ablichtung der restlichen Seiten des Reisepasses.

Keine Stunde später findet sich das Grüppchen wieder in der postalischen Chefschlange. Alles ist schon gespannt, was nun geschieht. Einige gestrenge Blicke auf die Unterlagen und – tatsächlich gibt es den erhofften Stempel. Für dieses mal ist es geschafft. „Russland“ ertönt es frustriert hinter den Gästen. Es sprach der russische Gastgeber. Es fragt sich aber wirklich, wann dieses Registrierungs-Relikt endlich auf dem Müllhaufen der Geschichte landet.

Roland Bathon, russland.RU, Sol Ilezk, Orenburgregion, Foto: (c) russland.RU 2014

Petersburg für „richtig“ Interessiere

Neu aufgelegt wurde der Sankt Petersburg Führer aus dem Hause Baedeker. russland.RU hat ihn sich einmal angesehen – denn schon lange standen die Vorzeichen für eine Reise an die Newa nicht mehr so positiv, wie in diesem Sommer.

Viele Gründe sprechen in diesem Sommer oder Spätsommer für eine Reise nach Sankt Petersburg.  Der unbeschreiblicher Flair einer kaum zu übertreffenden Kultur-Metropole, unzählige Sehenswürdigkeiten und ein äußerst lebendiges Nachtleben – die Stadt gehört zu den interessantesten Großstädten der Welt. Und eigentlich spricht nichts gegen eine solche Reise 2014, am allerwenigsten die Ukrainekrise, die von der Newa über 1.500 Kilometer weit entfernt stattfindet. Dennoch zögern diesen Sommer viele Mitteleuropäer bei einem Trip in die russische Metropole und schaffen damit dem schlauen Urlauber einen zusätzlichen Grund, Piter in diesem Sommer einen Besuch abzustatten: Nie mehr wieder werden die sonst oft überlaufenen Hauptattraktionen der Stadt wie das Bernsteinzimmer, der Winterpalast der Zaren oder die Gärten von Peterhof ähnlich dünn besuchts zu sehen sein.

Baedeker als Führer für die, die mehr wollen

Der Baedeker-Führer ist hierbei der beste Begleiter für alle, die eine längeren Aufenthalt als nur 3-4 Tage planen oder auch sich über besichtigte Sehenswürdigkeiten tiefer informieren möchten, als das über die üblichen Mini-Führer aus den Drehständern an den Eingänger deutscher Buchhandlungen möglich ist. Denn der Baedeker Sankt Petersburg bietet über 300 Seiten voller fundierter Informationen zur Stadt. So kann er sowohl bei den bekanntesten Attraktionen mehr in die Tiefe gehen als auch mehr Geheimtips ins Programm aufnehmen, als die meist dünneren Führer der Konkurrenz. So eignet er sich auch gerade für Individualreisende, die etwas abseits von den üblichen Touristenpfaden suchen.

Nach etwa 50 Seiten Hintergrundinfos zur Stadtgeschichte, Kunst, Kultur und geografischen Fakten folgen noch einmal so viele Daten zur örtlichen Gastronomie, Museen, Shopping und Übernachtungsmöglichkeiten. Eher kurz sind die Tourenvorschläge – der Baedeker nimmt wohl bewusst seine Leser hier nicht „an die Hand“, da Individualreisende und Leute, die eine Stadt tiefer erkunden wollen, sich eher nicht an vorgefertigten Tourvorschlägen orientieren, sondern sich ihren Weg durch die Stadt selbst erarbeiten. Das kann man mit Hilfe des Baedekers auch gut. Denn die folgende Schilderung der Sehenswürdigkeiten nimmt weit über 100 Seiten ein und in diesem „Katalog“ findet in Petersburg wohl jeder Reisende etwas, was ihn selbst interessiert. Praktische Informationen wie Anreise, Geld, Gesundheit, Reisezeit usw. schießen auch die Baedeker-Führer wie die meisten seiner Konkurrenten ab.

Spezielle Ausklappseiten als zusätzliches Plus

Die Fotos im Führer sind natürlich hockklassig, der Stadtplan in einer Einschubtasche am Buchende auf jeden Fall ausreichend, so dass man kein zusätzliches Kartenmaterial mehr braucht. Eine Besonderheit sind mehrere Ausklappseiten im Buch, die herausragende Sehenswürdigkeiten wie die Sankt-Isaakskathedrale oder die Peter-Pauls-Festung noch einmal schematisch mit 3D-Querschnitten erläutern und zusätzlich zu einer großen Übersichtlichkeit beitragen. Auf eine übermäßig große Anzahl von Symbolen verzichtet das Werk und beschränkt diese vor allem auf das Preisniveau geschilderter Hotels und Gastronomie. Vom Preiseniveau liegt der Führer dann natürlich auch etwas höher als seine Konkurrenz, was aber zu verschmerzen ist.

Alles in allem ist der Baedeker-Führer Sankt Petersburg eine lohnenende Anschaffung für jeden, der mehr als 2-3 Tage in der Stadt verbringen und sich dort ein individuelles „Programm“ zusammenstellen will. Wer jetzt noch zögert, sollte sich einen Ruck geben – eine wunderschöne Städtereise in eine wunderschöne Stadt wird der Erlös sein. Auch mehrere unserer deutschen Redaktionmitglieder werden den Trip in die einzigartige Stadt an der Newa machen und auf Zarenpracht in entspannter Atmosphäre hoffen.

Daten zum Buch: Baedeker – Sankt Petersburg, Verlang Karl Baedeker, Ostfilderm 2014, ISBN 978 3829714624

Roland Bathon, russland.RU

Hommage an einen sibirischen Strom

Wenn Tatjana Kuschtewskaja mit ihren Lesern eine Reise durch Russland macht, ist das stets ein außergewöhnlicher Lesegenuss. So auch bei der jüngsten Neuerscheinung der ukrainischstämmingen Erfolgspublizistin, in der sie sich mit dem mächtigen sibirischen Jenissei beschäftigt, dem Strom, der die größte Landmasse der Erde fast in der Mitte teilt. „Der Jenissei – ein sibirischer Strom“ ist eine uneingeschränkte Leseempfehlung der russland.RU-Redaktion.

Mehr als ein Reisebuch

Standesgemäß beginnt die literarische Reise der Autorin an den Quellen des Jenissei in Mittelasien und führt von dort bis ans Norpolarmeer, wo sich der Strom bei der Siedlung Dikson ins ewige Eis ergießt. Doch nicht nur lebendig geschilderte Naturschönheiten, Metropolen wir Krasnojarsk oder Naturreservate erleben wir auf der Reise. Denn Kutschtewskajas Reisebücher leben zusätzlich von ihrem schier unerschöpflichen Wissen über Hintergründe der geschilderten Regione. Wir erleben Mythen der sibirischen Völker, örtliche Anekdoten aus Zaren- und Sowjetzeit bis hin zu Lenins und Stalins Verbannungen, Begegnungen mit außergewöhnlichen Einheimischen, Reiseerlebnisse aus der Jugend der Autorin und vieles mehr. Alles dermaßen geschickt eingewebt in den Plot, dass sie mit dem puren Reiseerlebnis schier verschmelzen und die Atmosphäre der sibirischen Weiten lebendig werden lassen. Und das übrigens nie zu weitschweifend an einem Punkt, denn trotz der Fülle der Informationen ist das Buch kompakte 200 Seiten stark.

Ein Muss für Sibirien-Fans

So wird nicht nur die aktuelle sibirische Landschaft an den Ufern des Jenissei greifbar, sondern ebenso ihre Geschichte wie das heutige Leben der Menschen vor Ort. Wen es nach dem Studium des Buches nach Sibirien zieht, der findet am Ende des Textes noch sinnvolle Hinweise aus erster Hand an Individualtouristen, die tief in den Zauber des Russland weit hinter dem Ural eintauchen möchten. Neben Routenvorschlägen gibt es hier auch Surftips und ein Mini-Wörterbuch. Wer Interesse für Sibirien hat, für den ist „Der Jenissei – ein sibirischer Strom“ ein echtes Muss für den eigenen Bücherschrank.

Daten zum Buch: Tatjana Kuschtewskaja – Der Jenissei-ein sibirischer Strom, Wostok Verlag Berlin 2014, ISBN 9783932916618

Roland Bathon, russland.RU

Stalins Führerbunker [Video]

Wären die Deutschen nach Moskau eingedrungen, hätte sich auch Stalin – wie später Hitler in Berlin – in einen Bunker zurück gezogen, der für ihn schon vorbereitet war.

Nicht jedoch in Moskau, das er notfalls geräumt hätte, sondern in Samara an der Wolga. Der riesige Bunkerkomplex kann heute besichtigt werden und russland.TV präsentiert in Zusammenarbeit mit dem örtlichen Kameramann Sergej Klotschkow.

Billig durch Russland [Video-Classic]

Wie kommt man am billigsten durch Russland? Dieses russland.TV-Classic von 2008 kennt die Antwort: Das Netz der Überland-Linienbusse – ein absoluter und mörderischer Preisbrecher.

Und das gilt auch für das Jahr 2014, auch wenn die eingesetzte Busflotte etwas moderner geworden ist.

Spannende russische Abenteuer zur Seelensuche

Es ging schon ein innerliches Stöhnen durch den Rezensenten, als ihm ein erneutes Buch mit der „Suche nach der wahren russischen Seele“ im Untertitel zur Besprechung angetragen wurde. Denn hierzu gibt es schon Tonnen mittelmäßiger Literatur. Aber dieses Buch ist keine. Tatsächlich ist „Mein Russisches Abenteuer“ von Jens Mühling wirklich ein sehr spannender Reisereport über mehrere langfristige Aufenthalte des Autors in Russland bis hin zur Steppe und Taiga Sibiriens.

So liest sich das Buch spannend wie ein Roman. Der Autor, ein sehr Russland-kundiger Journalist des Tagesspiegel, schlägt seinen reisenden Bogen von Kiew über Moskau, Sankt Petersburg bis nach Sibirien und in den Ural. Er ist auf der Suche nach interessanten Extremen, von denen er aus der Presse gehört hat und solche gibt es in Russland zuhauf. Einen falschen neuen Christus im mückenverseuchten Teil Sibiriens, Altgläubige, die fast alles Moderne bis hin zur Strichcode-Ware ablehnen, die in einer Pathologie-Schublade Jekaterinburgs liegen gebliebenen Gebeine von zwei Mitgliedern der ermordeten Zarenfamilie – das Buch liest sich wie ein Krimi und der unbedarfte Deutsche kommt aus dem Staunen gar nicht heraus.

Geschickt stellt der Autor verschiedene Extreme kurz hintereinander gegenüber. Gerade noch bei Slawen zu Gast, die absichtlich in das vorchristliche Heidentum zurückgefallen sind besucht er als nächstes Sankt Petersburg auf der Spur des wohl wichtigsten Neuerers in der russischen Geschichte, Peter dem Großen. Gerade erfolglos auf der Suche nach einer verschollenen Einsiedlerin in der Taiga gescheitert, kehrt er in den zivilisierten Teil des Ural zurück und berichtet von dortigen interessanten Ausgrabungen aus grauer Vorzeit.

Die ständige Schilderung von Extremen auch für russische Verhältnisse ist denn auch der einzige Vorwurf, den man Mühling machen muss. Vor allem, weil er nicht deutlich macht, dass es sich auch für Russland hier um Extreme handelt. Die Leute und Stätten, die Mühling sucht, sind das Unglaubliche, das Radikalste, was man in Russland aus mitteleuropäischer Sicht finden kann. Es sind Dinge, die auch für russische Verhältnisse sehr ungewöhnlich sind, was im Buch aber nicht so dargestellt wird. So taugt „Mein Russisches Abenteuer“ sehr gut zur Unterhaltung für Russland-Interessierte, egal wie viel man über das Land weiß. Jedoch taugt es nicht, um Unerfahrenen ein korrektes Bild Landes zu geben, ja birgt die Gefahr der Schaffung neuer Klischees. Vom heutigen russischen Alltag enthält es wenig.

Es ist ein wenig, als würde man sich den russischen Straßenverkehr über eine Serie spektakulärer Unfallvideos näher bringen wollen. Mühlfelds Gesprächspartner, wie der vorgebliche Nachkomme des eigentlich im Kindesalter ermordeten letzten russischen Thronfolgers, sind auch in Russland Sonderlinge. Dies sollte man beim lesen nicht vergessen. Ob man die russische Seele in russischen Extremen findet, sei ebenfalls dahingestellt. Würde man die deutsche „Seele“ finden, wenn man germanische Neuheiden, Freikirchen-Aktive und einige abgedrehte Berliner Künstler besucht, um dem Goethes Lebenslauf gegenüber zu stellen? In der Tat würden sie etwas über deutsche Eigenarten verraten, wie auch Mühlfelds Buch, aber hauptsächlich zwischen den Zeilen und nicht als Abbild der Gesellschaft. Zugute zu halten ist dem Autor jedoch, dass er die „Seelensuche“, anders als andere, nicht in Moskau, sondern im Reich „jenseits des Autobahnrings“ betreibt, wo Russland in der Tat wesentlich russischer ist, als in seiner Hauptstadt.

Gut unterhalten wird man vom „Russischen Abenteuer“ aber auf jeden Fall. Es gehört ja auch zum Reiz von Russland, dass es hier Dinge gibt, die man überall sonst für unmöglich halten würde. So auch das Finale von Mühlings Buch, das Auffinden einer jahrzehntelang der Außenwelt unbekannten Einsiedlerin. Diese lebte als Überbleibsel einer vor den Sowjets in die Taiga geflohenen Altgläubigen-Gemeinde heute noch dort, mit minimalem Kontakt zur übrigen Welt. Doch auch hinter ihr fand Mühlfeld noch Legenden über noch weiter in den Wald Geflohene und bis heute Verschollene, die ins Fantastische reichen.

So ist „Mein russisches Abenteuer“ eine unbeschränkte Leseempfehlung für jeden, der schon ein wenig über Russland weiß und etwas über unglaubliche, aber wahre Extreme des Landes erfahren will. Wer keine Vorkenntnisse über das Land hat, wird ebenso gut unterhalten, sollte sich aber immer vergegenwärtigen, dass er hier nicht über das durchschnittliche Russland informiert wird. Sonst könnte beim ersten Moskau oder Sankt Petersburg Besuch die Enttäuschung folgen, wie „normal“ viele Dinge in Osteuropa doch sind.

Daten zum Buch: Jens Mühling, Mein Russisches Abenteuer, auf der Suche nach der wahren russischen Seele; Dumont Verlag, Köln 2013, ISBN 978-3770182589

Roland Bathon – russland.RU

Kurze Skizzen aus Irkutsk

In seinem Buch „Irkutsker Skizzen“ verarbeitet der Autor Raimond Dittrich Reiseerfahrungen und Kenntnisse, die er über die Stadt seit 2006 auf zahlreichen Reisen gesammelt hat.

Ein Reisebericht ist das Buch aber eher nicht, auch wenn es sich beim Buch um eine immer wieder unterbrochene Schilderungen von Reiseerlebnissen handelt. Gerade diese Unterbrechungen sind in dem sehr kurzen Werk (unter 100 Seiten mit Anhang) aber derart umfangreich, dass sie dem Gesamtwerk den Charakter einer Reisebeschreibung vollends nehmen. Anekdoten, die treffend den russischen Alltag abseits von Moskau beschreiben, findet man demzufolge auch nur vereinzelt und wer so etwas sucht, ist bei den „Irkutsker Skizzen“ falsch.

Das Interesse des Autors gilt vielmehr der gehobenen Literatur, die in Irkuzk entstand, der ernsthaften Beschäftigung mit der Geschichte, Architektur und Kultur der Stadt. Das moderne, „konsumorientierte“ (Zitat) Russland interessiert Dittrich eher wenig. Die orthodoxe Religion, das Sibirien alter Tage, der Aufenthalt der verbannten Dekabristen, das sind eher Dittrichs Themen. Hier hat er sich aber eine fast unlösbare Aufgabe gestellt. Gerade das von ihm bearbeitete Gebiet kann man auf weniger als 70 Seiten kaum mehr als hier und da etwas ankratzen, ohne echte Zusammenhänge aufzuzeigen. Denn die letzten 30 Seiten sind purer Anhang und eine – zugegebenermaßen – sehr schöne Sammlung von Fotos. Die Tiefe beim tiefgründigen Themenschwerpunkt fehlt etwas.  Unverständlich ist zudem, dass der Autor alle russischen Begriffe streng wissenschaftlich in die lateinische Schrift überträgt, was das Lesen für Russisch-unkundige Leser unnötig erschwert. Denn kaum jemand abseits von Linguisten weiß, wie er Laute wie č, ë oder š auszusprechen hat und es gibt einfachere Möglichkeiten, Mitteleuropäern russische Begriffe zugänglich zu machen. Etwa, wenn man vom Zaren Peter dem Großen anstatt Piëtr spricht.

Zusammenfassend ist das Buch ein lohnender Kauf für jene, die eine Reise nach Irkuzk planen und vor allem an den „klassischen“ Themen einer Bildungsreise interessiert sind. Oder sich aus anderen Gründen kurz über die kulturelle Tradition der Stadt informiert werden möchten. Hier bietet Dittrich tiefer gehende Informationen als ein purer Reiseführer oder andere Reiseberichte, ohne ausschweifend zu werden. Einen Einblick in den Irkuzker Alltag oder das moderne Leben der Stadt bietet sein Buch jedoch nicht.

Daten zum Buch: Raymond Dittrich, Irkutsker Skizzen – Reiseimpressionen, Engeldorfer Verlag Leipzig, 2013, ISBN 978-3-954884742

Roland Bathon / russland.TV